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Als ich im Mai vergangenen Jahres über die Bolotnaja-Prozesse in Russland schrieb, schilderte ich das haarsträubende Schicksal des mutmaßlichen Drahtziehers der „Massenunruhen“, Leonid Raswosschajew. Der linke Aktivist war in die Ukraine geflohen und hatte dort über das UNO-Flüchtlingshochkommissariat ein Asylgesuch in die Wege geleitet. Am 19. Oktober 2012 wurde er in Kiew vermutlich vom russischen Geheimdienst entführt und nach Russland zurückgeschafft. In der Zeit soll Raswosschajew nach eigener Angabe zwei Tage lang gefoltert worden sein. In einem umstrittenen Prozess wurde er am 24. Juli 2014 zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

Damals war ich erstaunt über die geringe Resonanz dieses Falles, wo es doch höchst alarmierend ist, dass vor Repressalien Geflüchtete sich nicht einmal im vermeintlich sicheren Europa vor ihren Verfolgern sicher sein können. Hätte es damals einen Aufschrei gegeben à la #JeSuisLeonid, vielleicht wäre diese Entführung dann kein Präzedenzfall geworden? Man möchte es hoffen.

Verschleppt und angeklagt

Doch der Aufschrei blieb aus, und wir müssen uns der Realität stellen. Die ukrainische Kampfpilotin Nadija Sawtschenko verschwand Mitte Juni 2014 bei einem Einsatz in der Ostukraine. Tage später tauchten ein Video und ein Interview mit ihr auf, die nahe legen, dass sie von Separatisten gefangen genommen worden war. Trotzdem verschwand sie erneut und tauchte erst wieder im russischen Woronesch auf, als bekannt wurde, dass russische Behörden gegen sie ermitteln.

Am 9. Juli wurde Sawtschenko wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Sie soll einen Angriff koordiniert haben, bei dem zwei russische Journalisten getötet wurden. Der Prozessbeginn war für den 13. Oktober letzten Jahres angedacht, doch der Termin wurde verschoben, da Sawtschenko erst psychiatrisch untersucht werden sollte. Eine weitere Parallele zu den Bolotnaja-Prozessen, wo der Angeklagte Michail Kosenko nach einem Gutachten des Serbski-Instituts zwangseingewiesen wurde. Sawtschenko wurde vom gleichen Serbski-Institut untersucht, das schon zu Sowjetzeiten Dissidenten häufiger für geisteskrank erklärte. Zumindest davon ist sie verschont geblieben. Bis Mitte Februar 2015 bleibt Sawtschenko dafür in Untersuchungshaft.

Sawtschenkos Anwälte behaupten, sie sei schon eine halbe Stunde vor dem Tod der beiden Journalisten gefangen genommen worden. Doch wer glaubt denn noch daran, dass die russische Justiz frei und ohne Druck diese Argumente prüfen wird? Die Reputation eines Rechtsstaates hat Russland schon lange verspielt.

Das eigene Leben als Waffe

In diesem unerklärten Krieg zwischen der Ukraine und den Separatisten, die bis heute finanziell, organisatorisch und materiell von Russland unterstützt werden, ist Sawtschenko zu einer Geisel geworden, die Putin in seinem Konflikt mit dem Westen als Erpressungsmittel nutzen kann.

Ob ihre Freilassung im Geheimen verhandelt wird, und was der Preis für eine Freilassung wäre, werden wir vielleicht nie erfahren. Doch bis jetzt haben kein Appell, weder die Wahl Sawtschenkos in das ukrainische Parlament, noch ihre Aufnahme in die ukrainische Delegation in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats geholfen.

Sawtschenko bleibt inhaftiert und greift zum allerletzten Mittel – ihrem Leben. Am 13. Dezember letzten Jahres trat Sawtschenko in den Hungerstreik. Seit über fünfzig Tagen trinkt sie nur Wasser. Mittlerweile hat sie 18 Kilogramm abgenommen. Ihre Haut schält sich, im Innern ihres Körpers finden irreversible Prozesse statt. Doch Sawtschenko will weiter hungern, bis zum Ende.

Warum ich diesen Text geschrieben habe? Ich möchte nicht, dass Nadija Sawtschenko stirbt.