Besonnenheit in Berlin nach dem Terror

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Breitscheidplatz im Sommer 2016 – Rüdiger Morbach

Nun also Berlin.
Während bei den Anschlägen in Würzburg und Ansbach offenbar wurde, dass ein Terroranschlag mit vielen Toten auch in Deutschland keine unrealistische Angstvorstellung ist, ist es nun tatsächlich passiert. 12 Tote, 56 Verletzte. Damit handelt es sich um neben dem Oktoberfestattentat 1980 und der Ermordung der israelischen Sportler bei der Olympiade 1972 in München um den schwersten Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Berlin selbst hat seit mehreren Bombenanschlägen in den 40er-Jahren und dem „La Belle“-Attentat 1986 keine tödlichen Terroranschläge gesehen.

Das bedeutet aber nicht, dass der Umgang mit dem Terror neu ist – hier kann auf die Erfahrungen der europäischen Nachbarn zurückgegriffen werden, die fast schon etwas wie Routine im Umgang mit Terroranschlägen haben. Etwa in Frankreich. Thaïs Payan beschrieb nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo vor fast zwei Jahren von Angst und der Jagd nach den Tätern, von verzweifelten und überzogenen politischen Reaktion, aber auch von Solidarität und Zusammengehörigkeitsgefühl. Was wir in Paris gesehen haben, sehen wir nun auch in Berlin. Viele Menschen haben Angst, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, vor den Weihnachtsmärkten stehen Polizisten mit Schnellfeuergewehren. Die Anhänger des Populismus überbieten sich gegenseitig im Vorschlagen vorschneller Maßnahmen. Nachhaltiger beeindruckt aber etwas Anderes. Die Sympathiebekundungen, der bewusstere Umgang der Menschen miteinander und das Gefühl, dass es weitergehen muss.

Und es geht weiter. Die Menschen gehen wieder ihrem gewohnten Tagewerk nach, sie lachen, streiten sich und durchqueren die Stadt im gewohnt geschäftigen Schritttempo. Das mag grausam erscheinen, ist aber bitter notwendig. Natürlich ist der Schmerz derer, die ihre Lieben bei dieser sinnlosen Gewalttat verloren haben, unermesslich. Ihnen beizustehen ist die Aufgabe aller. Genauso ist es aber auch ihre Aufgabe, vernünftig zu sein in Zeiten des Chaos. Besonnen zu sein, wo die Ängstlichen Angst bekommen und die Wütenden wüten. Keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, keine Schuldigen zu benennen, keine Panik zu verbreiten. Stolz auf die Freiheit zu sein, die der Terror uns zu nehmen versucht, und sie jetzt hochzuhalten gegen die Menschen, die sie zugunsten von vermeintlich höherer Sicherheit preisgeben wollen.

All das sind Lehren, die wir aus den verschiedenen Anschlägen auf Paris ziehen können. Im Positiven wie im Negativen. Zusammenhalt der Bevölkerung und Andenken an die Opfer sollten uns ein Beispiel sein, die innenpolitischen Reaktionen eher nicht, wenn wir nicht wollen dass Soldaten zukünftig zum Berliner Stadtbild gehören. Lieber sollten wir, passend zum Weihnachtsfest, Besonnenheit zeigen und abwarten. Gerade jetzt, wo die Jagd nach dem Täter beendet ist und Zeit dafür ist, zu überlegen. Die Verlockung, nach einem solchen Anschlag in Aktionismus zu verfallen, ist groß. Wir sollten ihr nicht nachgeben.