Das „Gauck-Erdbeben in Ankara“ – Kritik unter Freunden in der deutsch-türkischen Beziehung

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Das hat gerumpelt. Vielleicht nicht ganz im Sinne eines Erdbebens, wie dies eine türkische Zeitung laut einer Agenturmeldung getitelt haben soll, aber auf diplomatischer Ebene sicherlich. Von einem Eklat war die Rede. Vor zwei Wochen war Bundespräsident Joachim Gauck auf Staatsbesuch in der Türkei, und nahm dies zum Anlass, bei einer Rede vor der METU Ankara (einer „Hochburg der linken türkischen Studentenbewegung“) ein paar Anmerkungen zur politischen Lage in der Türkei zu machen. Obwohl äußerst höflich eingeleitet und auch zurückhaltend formuliert, kritisierte er deutlich die letzten Geschehnisse im Kampf des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan gegen verschiedene Formen und Errungenschaften der Demokratie. Sollte unter Freunden doch erlaubt sein, so Gauck später.

Ein Freund ist jemand, der die Wahrheit sagt
Im Arabischen sind die Worte „Freund“ [صديق, ‚sadiq‘] und „Wahrheit“ [صدق, ‚sadaqa‘] miteinander verwandt. Ein Freund ist jemand, der die Wahrheit sagt, könnte man daraus ableiten.
Ministerpräsident Erdoğan sah das offensichtlich anders und macht auch keine Anstalten, dies zu verbergen. Nun ist Erdoğan für seine impulsive Art bekannt, seine Worte sind mit Vorsicht zu genießen (und brachten ihn im Übrigen auch schon ins Gefängnis, diese Anmerkung sei erlaubt). Erstaunlicher ist, wie die Geschehnisse in mancher deutschen Zeitung und in der öffentlichen Diskussion reflektiert wurden. „Gauck liest Türkei die Leviten“ konnte man vor zwei Wochen lesen, von einer „Lektion“ war die Rede, als ob Gauck als leicht verspäteter Knecht Ruprecht von oben herab einen Lausejungen gemaßregelt hätte. Aber nicht nur das, auch Gaucks Reaktion darauf spricht Bände. Als ob er sich unter Freunden für Kritik entschuldigen müsse, als ob Kritik am Anderen nicht völlig normal wäre. Besteht zwischen Deutschland und der Türkei vielleicht doch nicht die Freundschaft, von der Gauck redet?

Freundschaft zwischen zwei Staaten
Dabei soll es nicht darum gehen, wie die deutsche Mehrheit in Deutschland zur türkischen Minderheit steht und umgekehrt. Hier von Freundschaft zu reden ist genauso abwegig, wie den unseligen Begriff „Gast“ aus dem noch unseligeren Begriff  „Gastarbeiter“ in das 21. Jahrhundert befördern zu wollen. Das Wort „Familie“ passt eher: Wir wohnen im selben Haus, sprechen dieselbe Sprache, teilen dieselbe Kultur und verwalten unseren gemeinsamen Staat. Brüder und Schwestern verbindet aber keine Freundschaft, sie verbindet mehr als das, im Guten wie im Schlechten. Sie müssen nicht höflich zueinander sein und die Worte aneinander nicht auf die Goldwaage legen, aber sie können auch nicht einfach getrennter Wege gehen, wenn sie sich streiten – sie sind aufeinander angewiesen.
Mit der Staatenfreundschaft ist das etwas anderes. Wenn Staaten verbrüdert sind, ist das unter Umständen nicht viel wert. Und enge Staatenfreundschaften sind eher eine kostbare Ausnahme.

Die falschen Köpfe und die falschen Themen
Und so wie Freundschaft sieht das nicht aus, wenn Erdoğan nach Deutschland kommt. Das muss zwar nicht unbedingt an den Akteuren liegen. Behauptungen, Bundespräsident Gauck und Ministerpräsident Erdoğan seien „ziemlich beste Feinde“, sind schwer übertrieben. Dass Angela Merkel mit ihm nicht warm wird, mag auch noch am sehr unterschiedlichen Charakter beider liegen. Aber dafür, wie oft Erdoğan anlässlich Wahlkampfs  in Deutschland ist (zuletzt im Februar, in einer Woche kommt er wieder), ist der Ton schon ziemlich eisig. Auch auf den deutlich selteneren Gegenbesuchen (Angela Merkel etwa alle drei Jahre, aber da ist ja auch weniger Wahlkampfpublikum).
Und wenn man dann doch mit einander redet, kommen dieselben Themen zur Sprache. Erdoğan nimmt die deutsche Regierung für die harte Linie der EU gegenüber der Türkei ins Gericht, und Merkel kritisiert die mangelnden Fortschritte der Türkei. Und zur Versöhnung redet man dann wieder nur über Harmlosigkeiten (wie der neuen Regelung für Doppelstaater) und Dinge, über die es sich leicht einig sein lässt (Hilfe für syrische Flüchtlinge). Ein Gespräch unter Freunden läuft anders ab.

Und dabei könnte es so schön sein
Welche Versprechungen eine solche Staatenfreundschaft zwischen Deutschland und der Türkei aber innehält! Allein außenpolitisch wäre eine enge Zusammenarbeit Gold wert. Die Türkei ist geopolitisch eines der interessantesten Länder der Welt, sie ist Brücke zwischen Nord und Süd, zwischen Orient und Okzident. Nicht umsonst legen die USA sehr viel Wert auf eine gute Beziehung zur Türkei. Die Türkei ist das Land mit dem Potential, zwischen den christlich geprägten Ländern Westeuropas und den islamisch geprägten Ländern des Nahen Ostens zu vermitteln. Und Deutschland? Deutschland genießt das Vertrauen der westlichen Welt, steht wirtschaftlich und politisch ausgesprochen gut da. Was könnte man voneinander profitieren! Und falls es zu praktischen Schwierigkeiten käme, leben in Deutschland immerhin zwei Generationen von perfekten Vermittlern.

Und wenn es dann soweit wäre, wenn die Zusammenarbeit funktionieren würde, könnten auch ihre Früchte geerntet werden. Dann würde Gaucks „Wunsch nach gleichberechtigtem Austausch“ wahr. Denn dann könnte ein Freund frank und frei sagen, wenn der andere Freund auf einem Irrweg ist – nicht in dem zurückhaltenden Ton, der in der internationalen Diplomatie üblich ist, sondern in deutlichen Worten, hinter verschlossenen Türen wie auch in aller Öffentlichkeit. Im derzeitigen politischen Klima bleibt das wohl erst einmal ein frommer Wunsch. Ein Abtritt Erdoğans für viele auch.