Denis Cuspert – vom Rap zum IS

Cuspert

Cuspert in einem IS-Propaganda-Video, Videoprint von www.youtube.com/watch?v=FfhNxoFsZv0

Vor knapp zwei Wochen wurde im Internet ein Propaganda-Video des Islamischen Staats (IS) in deutscher Sprache veröffentlicht. Urheber des Songs ist vermutlich Denis Cuspert, ein deutscher Rapper, der sich 2012 dem IS anschloss und sich dort mittlerweile „Abu Talha Al-Almani“ nennt. Wer ist Denis Cuspert, und was brachte ihn dazu, sich dem IS anzuschließen? Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus einer Seminarbeit an der Universität Jerusalem mit dem Titel „Confessions of a rapper – The representation of Islam and religious experience within the German Hip Hop scene.“ Die englische Originalversion ist hier zu finden, übersetzt hat Rüdiger Morbach.

Von Denis Cuspert zu Deso Dogg

Denis Mamadou Cuspert wurde 1975 in Berlin geboren. Er hat ghanaisch-deutsche Wurzeln und wuchs in einem von Kriminalität, Bandenkriegen und Drogenhandel geprägten Stadtteil auf. Nach seiner eigenen Darstellung hatten seine Eltern nicht genug Zeit, um sich um ihn zu kümmern. Cuspert wuchs auf der Straße auf und war bereits in jungen Jahren an kriminellen Aktivitäten beteiligt. Mit elf Jahren wurde er zum ersten Mal auf eine Polizeiwache gebracht, weil er versucht hatte, ein Auto zu stehlen. Cuspert sagt, dass sein Vater ihn schlug, um ihn zur Vernunft zu bringen. Statt des erhofften Erfolgs gelangte Cuspert in einen Teufelskreis aus Raubüberfällen, Messerstechereien und Drogenhandel. Aufgrund seiner Taten wurde er später zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Cuspert beschloss eine Tischlerlehre anzufangen. Dabei brach er jedoch den Kontakt zu seinen alten Bandenmitgliedern nicht ab, die ihn überzeugten, den Drogenhandel wieder aufzunehmen. Cuspert brach seine Lehre ab und kehrte zu seinen illegalen Geschäften zurück. Weitere Gefängnisaufenthalte und die Ermordung mehrerer seiner Freunde brachten ihn dann dazu, etwas Neues anfangen zu wollen – eine weitere Inhaftierung motivierte ihn dazu, mit dem Schreiben von Rapsongs zu beginnen.

Der Rapper Deso Dogg

Unter dem Künstlernamen Deso Dogg begann Cuspert 2002 seine musikalische Karriere. Deso steht dabei für „devil’s son“, Teufelssohn, wobei Dogg eine Anleihe von amerikanischen Rappern wie Snoop Dogg und Nate Dogg ist. Das „og“ aus Dogg ist eine Referenz zu „OG“, „original gangster“. In seinen Songs verarbeitet Cuspert sein Leben und seine Erfahrungen auf der Straße. Er begann all seine Zeit und Energie in die Musik zu investieren. In einem Interview äußert er, dass er damit so beschäftigt war, dass er seine kriminellen Aktivitäten, aber auch seine Familie zunehmend vernachlässigte. Aufgrund der harten Texte wurden seine Songs von den Mainstream-Musiksendern nur kurzzeitig gespielt. Innerhalb der Hip-Hop-Szene war Cuspert jedoch zeitweise recht erfolgreich und begleitete den amerikanischen Rapper DMX auf dessen Tour 2005. Anscheinend identifizierten sich viele Teenager mit seiner Lebensgeschichte und verehrten ihn als Idol.

Cuspert kommt aus einer muslimischen Familie. Sein zweiter Name Mamadou ist eine westafrikanische Variante des arabischen Namens Mohamed. Cuspert bezieht sich in mehreren Songs auf seinen Glauben. Zunächst zögerte er nicht, Musik und Religion zu vermischen:

„Bitte Allah verzeih mir meine Sünden, zieh mich aus dem Dreck

Ich bin verzweifelt, jeden Tag auf der Suche nach dem Paradies

ich wünschte mir den Tod, denn mein Leben war mies

ich hab Familie verlor’n, habe Liebe verlor’n

habe Brüder verlor’n, ich wünschte ich wär nicht gebor’n

Das ist naseeb und ich hoffe, dass ich dort auch bleibe,

In jedem meiner Schritte, meiner Taten und auch meiner Reime.“

Deso DoggWillkommen in meiner Welt


Von Deso Dogg zu Abu Malik

Der Tod eines guten Freundes und ein lebensgefährlicher Autounfall brachten Cuspert auf neue Wege. Seiner späteren Darstellung nach vergaß Cuspert aufgrund des Unfalls einen Teil seiner Texte. Er beschrieb den Unfall dennoch als Moment der Erleuchtung, begann von da an den Tag des Jüngsten Gerichts zu fürchten. Er war sich unsicher, ob er wegen seiner kriminellen Machenschaften in den Himmel kommen könnte. Dies brachte ihn dazu, sich sowohl von diesen Machenschaften als auch von der Musik loszusagen. Im November 2010 verkündete Cuspert, dass er aus dem Musikgeschäft aussteigen würde.

Cuspert wandte sich einer deutschen Salafistenbewegung zu und begann unter einem neuen Namen aufzutreten und zu predigen: Aus dem Rapper Deso Dogg wurde Abu Malik. Später zu den Gründen für diesen Wandel befragt, verwies Cuspert neben seinem Autounfall auch auf den Krieg in Gaza. Cuspert gab an, nicht verstehen zu können, warum weder die westliche noch die muslimische Welt versuchen würden, etwas für seine „Brüder und Schwestern“ in Gaza zu tun. Seine Wut darüber hatte er schon 2009 in einem Song zum Ausdruck gebracht:

„Ich bete zu Allah, es ist Zeit für die Muslime

zusammenzukommen in Zeiten der Kriege […]

Warum ignorieren muslimische Staaten

Saudi, Ägypten hat Palästina verraten.“

Deso Dogg – Gaza

Diese Verbindung politischer und religiöser Themen findet sich in mehreren seiner Songs. Ein weiteres Beispiel ist sein Song „Engel weinen schwarzes Blut“:

„Soviel Krieg auf der Welt und das Meer färbt sich Rot

Die Engel Gottes haben verloren

und der Teufel spielt den Tod

Merkt ihr immer noch nicht dass die Hölle immer näher rückt

Menschen fangen sich an zu töten

und das Klima spielt verrückt

Und es spielt keine Rolle ob du Moslem, Jude, Christ bist

Denn weißt du zu viel wird dein Licht ausgeknipst

Ein Selbstmord, ein Unfall, einfach nur weg

Wenn es sein muss inszeniert und das können sie Perfekt

Geheime Machenschaften überall verstreut auf der Welt

Sie töten jeden, Kinder, Alte, Kranke skrupellos fürs Geld

Denn sie glauben nicht an Gott oder irgendwelche Werte

Ihre Religion ist Geld und der Weg ist Teufels Fährte

Ich hab genug gelernt, ob es Kaplan war,

Ob es Hizb ut-Tahrir oder Hisbollah war,

Und es gibt nur einen der über uns richtet das ist klar

Der Grösste, der König, der einzigste [sic] Allah“.

Deso Dogg – Engel weinen schwarzes Blut

Die Botschaften, die Cuspert in seinen Songs vermitteln wollte, ähneln denen, die er als Abu Malik zu verbreiten begann. Allerdings sollte Musik nicht mehr das Medium sein. Vielmehr forderte Cuspert seine Fangemeinde auf, seine Songs nicht mehr zu hören und aus den verschiedenen Internetplattformen zu löschen. Die Salafistenbewegung „Die wahre Religion“ veröffentlichte ein Video, in dem Cuspert unter Tränen sagt, dass die Musik sein Leben zerstört hätte. Er forderte andere Muslime auf, sich vom Musikgeschäft fernzuhalten. Als Abu Malik begann er, verschiedene Salafistenprediger zu begleiten. Einigen dieser Prediger wurde von deutschen Medien vorgeworfen, zu Hass und Gewalt anzustacheln. Ein Beispiel dafür ist Pierre Vogel, der mit 22 zum Islam konvertierte und zu einem der einflussreichsten Salafistenprediger Deutschlands wurde.

Dabei ist für Vogel von äußerster Wichtigkeit, seine Umgebung von der Richtigkeit des Islam zu überzeugen. Er bot Nichtmuslimen an, sie bei öffentlichen Auftritten zum Islam zu konvertieren und veröffentlichte Videos dieser Konvertierungen auf YouTube. Dort veröffentlichte er auch verschiedene Videos zur Erklärung des Islam. Sowohl Vogel als auch Cuspert unterstützen eine wörtliche Auslegung des Koran und eine radikale Interpretation des Islam.

Vogel veröffentlichte ein Video, das ihn in einem Gespräch mit Cuspert zeigt. Dabei bat Vogel ihn, Kontakt zu anderen muslimischen Rappern aufzunehmen, um sie davon zu überzeugen sich vom Hip Hop und dem Musikgeschäft loszusagen. Er äußert gegenüber Cuspert, dass er ein Großevent mit anderen muslimischen Rappern veranstalten will, in dessen Rahmen er mehr Jugendliche von „der Wahrheit des Islams“ überzeugen wolle. Bis 2012 unterstützte Cuspert die Salafistenprediger sowohl in Moscheen als auch im Internet.

Im selben Jahr stellte sich HOGESA, eine rechte und offen islamfeindliche Bewegung von Hooligans, gegen die Salafistenbewegung auf und brachte sie so in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Im Eifer des Gefechts schickte Cuspert ein Video an das ZDF, das wenig später veröffentlicht wurde. Darin ruft Cuspert zum Dschihad in Deutschland auf. Dies begründet er damit, dass die Bundeswehr in islamischen Staaten stünde [Afghanistan, Anm. PIG] und dort einen Dschihad gegen die Bevölkerung führen würde. Darüber hinaus verkündet er, dass er zum Zeitpunkt der Ausstrahlung des Videos nicht mehr in Deutschland leben würde. Tatsächlich verließ Cuspert Deutschland und versteckte sich in Ägypten, da der deutsche Verfassungsschutz nach ihm fahndete. Schon 2011 hatte die Polizei in seiner Wohnung eine unregistrierte Waffe gefunden. 2012 wurde im Haus eines Islamisten eine Sprengstoffweste gefunden, deren Herstellung die Zeitung Die Welt Cuspert zuschreibt.

Über seine derzeitige Situation ist wenig bekannt. Verschiedene Kommentare auf YouTube behaupten, dass Cuspert im Untergrund verstorben wäre. Gerüchte über seinen Tod finden sich vielerorts im Internet. Fakten, die diese Gerüchte stützen würden, finden sich allerdings nicht.

Zwei Jahre später

Zwei Jahre nach der Fertigstellung der obigen Seminararbeit ist bekannt, dass sich die Gerüchte um Cuspert’s möglichen Tod nicht bewahrheiten sollten. Anfang 2013 reiste der einstige Rapper von Ägypten nach Syrien weiter, um sich dort dem IS anzuschließen. Im Sommer desselben Jahres wurde ein Nashid veröffentlicht, in dem Cuspert den Wunsch äußert als Selbstmordattentäter ins Paradies zu gehen. In den folgenden Monaten tauchten vermehrt Videobotschaften auf, in denen Cuspert seine Kampfbereitschaft zum Ausdruck brachte und sich öffentlich zum IS bekannte. Laut einer Studie des Verfassungsschutzes entwickelte sich Cuspert mit der Zeit zum „deutschsprachigen Aushängeschild“ des IS, in deren Reihen er mittlerweile eine führende Position einnimmt. Auch das US-Außenministerium stufte Cuspert im Februar 2015 als global agierenden Terroristen ein und setzte ihn aus diesem Grund auf die Terrorliste des Landes. In einer aktuellen Videobotschaft ruft der IS-Kämpfer, der sich inzwischen Abu Talha al-Almani nennt, dezidiert zu Anschlägen in Deutschland auf. Da in vergangenen Videos neben deutlich vernehmbaren Drohungen auch Bilder zu sehen waren, auf denen Cuspert vor enthaupteten Gegnern des IS posierte, ermittelt die Bundesanwaltschaft inzwischen wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen. Ob Cuspert selbst beabsichtigt, eines Tages nach Deutschland zurückzukehren, bleibt letztlich im Dunkeln.

Klar ist jedoch, dass Cuspert über die nötige Reichweite verfügt, um seinen Aufruf zum „Kampf gegen die Ungläubigen“ auch aus Syrien unter jungen Muslimen in Deutschland zu verbreiten.

Denn trotz des Wandels vom Rapper zum IS-Anhänger richtet er sich nach wie vor insbesondere an junge Menschen. Während ihm als Musiker Deso Dogg eine breite Hörerschaft verwehrt blieb, findet er als Abu Talha al-Almani unter vielen Jugendlichen Gehör, die einfache Antworten auf schwere Fragen und komplexe Zusammenhänge suchen.