Der 8. Mai 1945 in Algerien

Gedenkfeier in Aubervilliers 2010 / Wikimedia Commons, HEGOR

Gedenkfeier in Aubervilliers 2010 / Wikimedia Commons, HEGOR

8. Mai 2015, Frankreich. Ein Feiertag im ganzen Land anlässlich des „Tags des Sieges in Europa“, sozusagen in der „zivilisierten Welt.“ Der Ausdruck selbst gibt zu verstehen, dass nur die sogenannten alliierten Staaten damit gemeint sind, da ein Großteil der Welt nicht zu dieser „zivilisierten Welt“ gehört.

Im einen Land ist er ein Tag der Freude, im anderen Land einer der Trauer. Warum ist das so? Weil das Leben nun einmal so ist. Es ist an uns, die wir in der Lage sind dies zu verstehen, es gründlich zu versuchen.

In Algerien zum Beispiel ist es ein Trauertag. Algerien, französische Kolonie seit der Invasion 1830, stellte eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Männern, die, meistens von den Kolonialbehörden dazu gezwungen, im Ersten und Zweiten Weltkrieg in Europa kämpften. Und das für die Befreiung des „Mutterlands“ Frankreich. Aber warum ist der 8. Mai dann ein Trauertag? Der Sieg war doch ein gemeinsamer, zumindest auf den ersten Blick.

Vor dem Zweiten Weltkrieg
Zunächst ist es wichtig, sich die politischen Hintergründe vor Augen zu führen. Die einheimische Bevölkerung der französischen départements in Algerien (so wurden die Verwaltungsgebiete tatsächlich genannt) kämpfte bereits länger um ihre Rechte, ab den 1920er Jahren begannen  algerische Intellektuelle damit Vereine und politische Parteien zu bilden. So etwa die PPA (Parti du Peuple Algerien, Algerische Volkspartei), die 1937 von Messali Hadj gegründet wurde und für die Gleichberechtigung von arabischer und europäischer Bevölkerung kämpfte. Ihr Ziel erreichten sie nie: Die einheimische Bevölkerung hatte nur den Status von „sujets“, also Untertanen des Kolonialreichs ohne staatsbürgerliche Rechte, und damit auch nicht dieselben Papiere wie die europäischen Bürger. Deshalb hatte bei Wahlen eine arabische Stimme weniger Gewicht als eine europäische Stimme. 1939 wird die PPA verboten, ihre Mitglieder werden zum Schweigen gebracht.

Während des Zweiten Weltkrieges sah die arabische Bevölkerung einen Hoffnungsschimmer am Horizont: Unabhängig vom Ausgang des Krieges würde sich endlich etwas ändern. Kurz nach der Landung der US-Streitkräfte in Algier 1942 erklärt der französische Admiral Darlan: „Frankreich wird seine Pflichten gegenüber den Muslimen nicht vernachlässigen.“ Große Worte.

Kurz darauf rücken tausende von Algerien zur französischen Armee ein. Zusammen mit marokkanischen Infanteriesoldaten nehmen sie an der Befreiung von Korsika, der Provence und einiger anderer Regionen Frankreichs teil.

Eine freundliche Erinnerung
Am 1. Mai 1945 werden in Algerien Demonstrationen und Kundgebungen organisiert, um Frankreich an seine im Gegenzug zur Teilnahme an der Befreiung Europas gegebenen Versprechungen zu erinnern. Schwere Repressalien folgen. Die Parteien und Demonstranten, die für die muslimische Bevölkerung sprechen, wiederholen ihre Forderung unter dem Slogan „L’indépendance de l’Algérie“, Unabhängigkeit für Algerien. Die gereizten europäischen Siedler und der Präfekt von Constantine (ein département im Osten von Algerien) sahen bereits kommen, was passieren würde. Am Tag X gibt der Präfekt den Befehl, auf alle die zu schießen, die die algerische Flagge zeigen. In Sétif eröffnen Polizeikräfte und einige der Siedler schließlich das Feuer auf die Demonstranten. Ein ähnliches Szenario spielt sich in der Stadt Guelma ab. Der Osten Algeriens wird in Brand gesetzt, Menschen werden erschossen, Frauen vergewaltigt. Angesichts des immer größeren Ausmaßes der Proteste ruft die französische Regierung die Armee zu Hilfe, die Luftwaffe beginnt damit Dörfer zu bombardieren. Unter den Toten sind oft Intellektuelle, Mitglieder der politischen Partei und Vereine. In den größeren Dörfern werden von hochrangigen Offizieren Frankreichs Zeremonien der Erniedrigung der Bevölkerung organisiert, was sie zur völligen Unterwerfung bringen soll. Einer der Organisatoren, der französische General Duval meldet nach Paris: “Ich habe euch für zehn Jahre Frieden geschaffen.“ Er sollte auf eine Art Recht behalten – die Unterwerfung des algerischen Volkes dauerte nur neun Jahre an.

Das Ergebnis des 8. Mai 1945 in Algerien? Wie in jedem historischen Konflikt variieren die Opferzahlen. Offizielle französische Stellen sprechen von 1.700 Toten, General Tubert, Mitglied einer von Frankreich eingesetzten Untersuchungskommission, von 15.000 Opfern. Die algerische Seite gibt 45.000 Tote an. Jenseits dieser Zahlen verursacht die französische Unterdrückung einen Schock bei der muslimischen Bevölkerung, der sie neun Jahre lang davon abhält zu den Waffen zu greifen. Nach diesem Moment aber ist der Bevölkerung klar, dass der friedliche Widerstand zu nichts führte.

Der 8. Mai 1945 war sicherlich kein Freudentag für Deutschland, aber genauso wenig für einen anderen Teil der Welt.

Frankreichs Einstellung heute
Frankreich nahm sich immer heraus, die Türkei für die Leugnung des Völkermords an den Armeniern zu verurteilen. Müsste Frankreich als „Heimatland der Menschenrechte “ nicht zunächst einmal die von ihm verübten Massaker einräumen? Das französische Volk soll hier nicht beschuldigt werden, es geht vielmehr um die französischen Politiker und Öffentlichkeitsbeauftragten, die sich selbst zu Historikern machen und die Geschehnisse für populistische Zwecke ausschlachten. Damit täuschen sie niemand, der sich seine eigenen Gedanken macht.

In den Worten des berühmten vietnamesischen Generals Võ Nguyên Giáp, der Geschichte studierte, bevor er sich dem vietnamesischen Widerstand anschloss: „Der Imperialismus ist ein schlechter Schüler, er merkt sich seine Lektionen nicht.“ Worte voller Weisheit.

 

Übersetzt aus dem Französischem von Rüdiger Morbach. Die Originalfassung ist hier zu finden:
Boukhari Meraghni – Le 8 Mai 1945 en Algérie