Der 8. Mai in Deutschland – (k)ein Feiertag

Hissen der sowjetischen Flagge auf dem Reichstag / Zusammenstellung: ZDF

Es klingt ein bisschen wie eine Sage:

Es war einmal ein kleines Land, das die ganze Welt mit Krieg, Terror und Leid überzog. Bis sich die ganze Welt zusammentat, dem Grauen ein Ende zu bereiten. Und dieses Ziel nach sechs Jahren von Blut, Schweiß und Tränen erreichte, am 8. Mai 1945. Als es soweit war, übte die Weltgemeinschaft Barmherzigkeit und nahm das kleine Land in ihre Mitte auf, auf dass es zum Frieden und Wohlstand in der Welt beitragen solle. Was das Land auch tat, und seitdem in Frieden leben konnte.

Aus der Sicht der Westdeutschen ist diese märchenhaft vereinfachende Darstellung durchaus zutreffend. Der 8. Mai 1945 wird heute überall in Deutschland als Beginn eines neuen Anfangs empfunden, als Sonnenaufgang nach einer langen dunklen Nacht.

Das war nach dem Ende des ersten Weltkriegs anders. Der SPD-Politiker Heinrich Ströbel beschrieb das allgemeine Empfinden in einem Artikel für die Zeitschrift Die Weltbühne am 8. Mai 1919, ein halbes Jahr nach Kriegsende, so:

„Nein, man ist in Deutschland noch weit ab von jeder Erkenntnis. Wie man das Schuldbekenntnis verweigert, so verweigert man auch dem guten Willen der Andern verstockt den Glauben. Man sieht noch immer nur die Gier, die Ränke, die Arglist der Andern, und die belebendste Hoffnung ist, daß dereinst der Tag komme, der diese dunklen Mächte den eigenen Interessen dienstbar mache.“

Auch heute wird das Ende des ersten Weltkrieges, wenn auch befreit von gedanklichen Altlasten wie Kriegsschuldfrage und Dolchstoßlegende, kaum als Beginn einer goldenen Ära angesehen. Positive Assoziationen mit dem Ende des 2. Weltkriegs teilen dagegen wohl alle mit Vernunft begabten Deutschen.

Dennoch ist der 8. Mai in Deutschland ein Tag wie jeder andere. Feierlichkeiten gibt es in Deutschland keine, ein gesetzlicher Feiertag ist der 8. Mai erst recht nicht (in der DDR war er es eine Zeit lang). Schade eigentlich, hat der Tag doch einen so hohen Symbolcharakter: Sieg über den Faschismus, Befreiung vom Terror, seltener Moment der Einigkeit der späteren „Blöcke“, Grundvoraussetzung für die europäische Einigung. So ein Tag ist eigentlich prädestiniert dazu, zum Feiertag erklärt zu werden. Schließlich sind Feiertage auch nicht schlecht für die Produktivität. Als Tüpfelchen auf dem i fehlte dann nur noch eine große Feier mit ALLEN früheren Siegermächten, am besten in Berlin. Ohne Militärparade, aber mit Bier. 2020 vielleicht, zum 75. Jahrestag? Ich wäre dafür.