Der Anführer der Mutanten und sein zynisches System

Es ist elf Jahre her, dass das Buch Die Mutanten des Kreml: Mein Leben in Putins Reich von Jelena Tregubowa im russischen Original erschien. Tregubowa war von 1997 bis 2001 im Journalisten-Pool des Kreml akkreditiert und beschrieb in dem Buch ihre Erfahrungen im Kampf gegen den seit dem Amtsantritt Putins immer stärker werdenden Druck gegen Journalisten.

Eindruck hinterlässt Trebugowas Beschreibung Wladimir Putins. Sie lernte Putin noch während seiner Zeit beim russischen Geheimdienst FSB kennen. Schon damals soll Putin seine Mimik hervorragend kontrolliert und zur Unterstützung seiner scheinheiligen und oftmals zynischen Aussagen gewusst haben. So soll er sich während eines Gesprächs völlig entrüstet gezeigt haben, dass Tregubowas Telefone vom FSB abgehört würden. „Wir? WIR sollen euch abhören?“, soll er gefragt haben, wobei Tregubowa ein vergnügtes Funkeln in den Augen notierte.

Weiter beschreibt sie ihn als einen Menschen von mittlerer, sowjetischer Bildung und durchschnittlichem Intellekt. Biegsam und anpassungsfähig aber. Und manchmal komme etwas Jungenhaftes, Angeberisches von ihm. Ein Charakterzug, den Putin-Biograf Boris Reitschuster auf seine Kindheit in den Petersburger Höfen zurückführt, als er als kleiner Junge oftmals gehänselt wurde und wo das Recht des Stärkeren galt.

„Wir sind zivilisierte Leute“

Nach Putins kometenhaftem Aufstieg zuerst in das Amt des Premierministers, und später in das Präsidentenamt, hielten auch einige von Putins Charakterzügen Einzug in den Kreml. Putins damaliger Verteidigungsminister Sergei Iwanow, direkt angesprochen auf die Ängste, unter Putin würde die freie Presse liquidiert werden, antwortete: „Ach, was! Ich sage Ihnen – das sind unbegründete Ängste. […] Wir beide sind zivilisierte Leute. Deswegen ist das alles Unfug, was man erzählt. Dass wir irgendwelche Maßnahmen zur Unterdrückung der Opposition unternehmen…“. Der Stil des Hauses nunmehr.

2001 wurde Tregubowa vom Kreml-Pool ausgeschlossen, und die Fernsehsender NTW und TV-6 kurze Zeit später liquidiert. 2004, nach Erscheinen ihres Buches, explodierte gegenüber von Tregubowas Wohnungstür eine Bombe, und 2006 wurde Anna Politkowskaja ermordet. Danach erschien noch ein eindringlicher offener Brief Tregubowas an die Bundeskanzlerin Angela Merkel, bevor es im britischen Asyl still um sie wurde.

Ihre journalistische Karriere ist zerstört, und ihr Leben zu einem großen Teil wohl auch. Doch viele von Tregubowas Schilderungen und Befürchtungen haben sich als wahr herausgestellt. Vor allem bleiben uns die Beschreibungen eines jungen Putin, der mit seiner geheimdienstlichen Ausbildung seinen Charakter bestens dazu nutzen wusste, ein ganzes Land einerseits zu bezirzen, und andererseits oder gerade somit zu unterwerfen. Gleichzeitig baute er sich eine Machtstruktur auf, die sich diesen Charakterzügen gefügt und sie angenommen hat.

Putin hält sich für den „weltweit einzigen absoluten und klaren Demokraten“

Larry King stellt Wladimir Putin am 8 September 2000 die Frage, was mit der Kursk passiert sei. / © Kremlin.ru

Larry King stellt Wladimir Putin am 8 September 2000 die Frage, was mit der Kursk passiert sei. / © Kremlin.ru

Doch es ist nicht nur der Ton, es ist auch die Wortwahl. In Deutschland führen Unvorsichtige Äußerungen oft zu Rücktritten, nicht selten zu freiwilligen. Das russische Staatsoberhaupt hingegen erhält gerade in den Ländern Beifall, in denen die Gesellschaft von ihren Politikern eine gewisse moralische Verantwortung verlangt – langjährigen Putin-Beobachtern müssen die Haare zu Berge stehen. Eine 15-jährige Karriere hätte kaum jemand überlebt, der sich auch nur eine der folgenden Episoden geleistet hätte.

Unter der Gürtellinie war beispielsweise die populistische Äußerung Putins aus dem Jahre 1999, als es um den Kampf gegen Terroristen ging. Man werde die Terroristen überall bekämpfen. Sollte man sie auf der Toilette aufspüren, so „ersaufe“ man sie eben direkt im Klosett. Seinen steigenden Beliebtheitswerten hat das damals nicht geschadet. Möglicherweise ist sogar das Gegenteil der Fall.

Nach dem Untergang der Kursk im August 2000 mit 112 Todesopfern wurde Wladimir Putin in einem Fernsehinterview gefragt, was denn nun mit dem U-Boot geschehen sei. Der frisch gewählte Präsident antwortete damals lakonisch und mit einem Lächeln: „Sie ist gesunken“.

Dafür, dass Putin laut Iwanow ein „zivilisierter Mensch“ sei und angeblich keine Pläne gehabt habe, gegen kritische Journalisten vorzugehen, reagierte er äußerst unwirsch auf eine kritische Frage bezüglich des Vorgehens Russlands in Tschetschenien. Er schlug vor, jeder könne gerne nach Moskau kommen, wenn er radikaler Islamist werden wolle. Russland sei ein multikulturelles Land, und er werde jemanden finden, der ihn so beschneide, „dass da nichts mehr nachwächst“.

In einer Verlautbarung über die Ermordung von Anna Politkowskaja im Jahr 2006 spielte er ihren Einfluss auf die russische Gesellschaft herunter und äußerte, dass die Ermordung Russland und den Machthabern „einen viel größeren Schaden“ zufüge, als es ihre Publikationen je getan hätten.

Noch zynischer seine Aussage aus dem Jahre 2007, er sei ein „absoluter Demokrat“. Anzeichen für die Rückkehr zum Totalitarismus gebe es nicht. Nach dem Tod von Mahatma Ghandi gebe es niemanden, mit dem er noch reden könne, beklagte er damals. Auch hier kann man sich (s)ein Lächeln gut vorstellen.

In geheimdienstlich-paronoidaler Manier, mit der er fast das gesamte Land angesteckt hat, vermutete Putin in den Protesten nach den Duma-Wahlen im Dezember 2011 eine westliche Hand. Die weißen Bändchen, ein Symbolzeichen der Protestbewegung, erinnerten ihn an Kondome, die an ihren Schultern hingen, so Putin abfällig.

Zuletzt liess Putin seinen Zynismus und seine Taktlosigkeit – gewollt oder ungewollt – bei einem Treffen mit Vertretern religiöser Organisationen erkennen. Unter anderem gegenüber Vertretern des jüdischen Glaubens zitierte er Joseph Goebbels. Danach ergänzte er, Goebbels habe sein Ziel erreicht, sei ein „talentierter Mensch“ gewesen.

Auch auf internationalem Parkett weiß Putin die Menschen in seinen Bann zu ziehen

Es sind nur einige Aussagen eines Mannes, die aber wiederum einiges über ihn aussagen. Sie zeichnen ihn als einen kaltschnäuzigen, listigen Mann, der vor Lügen und Beschimpfungen unter der Gürtellinie nicht zurückschreckt. Tregubowa spricht ihm in ihrem Buch die Fähigkeit zu, sich ähnlich einem Chamäleon seinem Gegenüber anzupassen. So scheint Putin genau zu wissen, wann er machohafte Sprüche bringen und den harten Kerl spielen muss. Wann er sich dem Westen gegenüber öffnen und wann er über die USA ablästern muss. Er beherrscht dieses Spiel wie kein anderer.

Wladimir Putin, Gerhard Schröder und Kofi Annan im Jahr 2001 / © Kremlin.ru

Wladimir Putin, Gerhard Schröder und Kofi Annan im Jahr 2001 / © Kremlin.ru

Nicht, dass es nicht schon traurig genug wäre, dass Putin in Russland nach bald 15 Jahren am Steuer eine Vertikale der Macht installiert hat, die völlig auf ihn ausgerichtet und mit den selben Charaktereigenschaften ausgestattet ist. Zynismus trifft man auf allen Ebenen der Macht, in der Exekutive und Legislative gleichsam wie in der Judikative. Auf Ministerebene wie auf kommunaler Ebene. Vom Obersten Gericht bis zum kleinsten Amtsgericht.

15 Jahre, nachdem sich die Welt gefragt hat, „Who is Mr. Putin?“, scheinen viele westliche Politiker immer noch nicht begriffen zu haben, mit was für einem Menschen sie es zu tun haben. Mit welch einem geschickten Architekten eines undemokratischen und zynischen Systems.

So kann Putin auch Ende Juni 2014 in Österreich über eine „gute Diktatur“ des langjährigen Wirtschafts-Kommisionspräsidenten Leitl scherzen. Es wird gemeinsam gelacht über mögliche Ansprüche Österreichs auf ukrainisches Territorium. Völlig unbegreiflich in Anbetracht dessen, dass in der Ostukraine gleichzeitig nicht ohne Schuld Putins täglich Menschen ihr Leben lassen müssen.

Nicht nur die Wirtschaft scheint die Arme Putin gegenüber offen zu haben. Vermehrt wird in Europa offen mit Putin sympathisiert. Unter den Politikern ist es zum Beispiel Marine Le Pen, für die auch Putin freundliche Worte findet. Auch in Italien findet sich unter den Rechtspopulisten von Lega Nord ein Hort von Anhängern des Putinschen Systems. In Deutschland werben Jürgen Elsässer und Konsorten für Putins Kurs, und versuchen dabei auf ihren „Montagsdemos“ die äußeren Rechten und Linken in einer „Querfront“ zusammenzubringen.

Es ist dem deutschen Außenminister anzurechnen, dass er diesen „Montagsdemonstranten“ Paroli bietet. Boris Reitschusters Appell trifft den Nagel auf den Kopf: „Wir müssen die Stärken unseres Systems wieder schätzen lernen und endlich energisch verteidigen – nach innen wie nach außen: Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“.

Wir sind Tregubowa etwas schuldig

Unsere Politiker sind in der Pflicht zu erkennen, dass Putin nicht für ein demokratisches System steht. Das hat er in diesen 15 Jahren immer wieder gezeigt. Etwa immer dann, wenn bei einem seiner unzähligen verbalen Austritte sein wahrer, zynischer Charakter durchblitzte. Der Fisch stinkt wie bekanntlich vom Kopf, und das Sprichwort trifft nirgendwo besser zu als auf die Machstruktur, die Putin verkörpert.

Unsere Politiker haben lange gehofft, dass in Putin doch etwas Demokratisches steckt. Zu lange. Das, was wir gerade in der Ukraine sehen, ist die logische Konsequenz sowohl aus Putins Politik als auch aus den fälschlichen Hoffnungen des Westens. Hätten wir alle Tregubowa bereits vor acht Jahren mehr Gehör geschenkt, hätten wir wahrscheinlich eine ganz andere Entwicklung dieses an so Vielem reichen Russlands erlebt.

Wenn sich in beidem nicht bald etwas ändert, dann werden wir weiter eine zynische und erbarmungslose Politik Russlands erleben, ganz nach dem Charakter des „nationalen Leaders“. Und wir werden von ihm weiter menschenverachtende und verletzende Äußerungen zu hören bekommen, die die ganze Kälte dieses Systems widerspiegeln. Zum Beispiel auf die Frage, was denn mit dem Flugzeug von Flug MH17 passiert sei. Die Antwort wird dann sein: „Es ist abgestürzt.“. Dazu ein kaltes Lächeln.