Die sächsische Norm

Jürgen Elsässer spricht in Zwickau. Foto: Ludwig Rehnolt / Straßengezwitscher.

Jürgen Elsässer spricht in Zwickau. Foto: Ludwig Rehnolt / Straßengezwitscher.

Am vergangenen Sonnabend trafen sich mehrere rechte Bürgerinitiativen im sächsischen Zwickau zu einem Sternmarsch. Auf der anschließenden Kundgebung vor dem Rathaus sprach Jürgen Elsässer, der Herausgeber des rechtspopulistischen Compact-Magazins. Die Beobachtung dieser Veranstaltung offenbart tiefe Einblicke in eine immer offen rassistischer werdende sächsische Gesellschaft.

Zwei Tage nach den Ereignissen von Clausnitz, bei denen ein aufgebrachter Mob vorgeblich besorgter Bürger unter „Wir sind das Volk“-Rufen die Ankunft eines Busses mit Flüchtlingen in dem sächsischen Ort blockierte, finden sich mehrere Bürgerinitiativen in Zwickau zu einem Sternmarsch zusammen. Die Teilnehmer kommen vorrangig aus Sachsen, es haben sich aber auch Menschen aus dem thüringischen Altenburg angemeldet.

Anhänger des „Bürgerforums Zwickau“ ziehen gemeinsam mit Anhängern der „Identitären Bewegung“ durch die Innenstadt. In den engen Straßen entfalten Rufe wie „Widerstand“, „Festung Europa – macht die Grenzen dicht“ und „Heimat, Freiheit, Tradition – Multikulti Endstation“ eine ganz besondere Wirkung. Und so gruselig es auch erscheint, vormals eindeutig der Propaganda des Dritten Reiches zugeordnete Parolen wie „Lügenpresse“ und „Volksverräter“ gehen dabei unter – zu normal, zu alltäglich.

Zu dieser neuen Normalität beigetragen hat auch Jürgen Elsässer, dessen Compact-Magazin Titel wie „Asyl. Die Flut.“ trägt. In Zwickau macht der Rechtspopulist deutlich, welche Überzeugungen er sonst noch in sich trägt. “Mein Name ist Jürgen Elsässer und ich bin Deutscher,” beginnt der 59-Jährige seine Rede, was zu frenetischem Applaus der 3000 Zuhörer führt. Als er wenige Minuten später von “diesen Türken, Arabern und anderen asozialen, unerzogenen Orientalen” spricht, erntet er statt Buhrufen ungezügelten Jubel. Die anschließende Empfehlung, bei den im März anstehenden Landtagswahlen die AfD zu wählen, ist da nur folgerichtig, schließlich mache Petry ihre Sache ja besser als Merkel.

Sowieso fallen in Verbindung mit der Bundeskanzlerin an diesem Tag sehr häufig die Worte Regime und Diktatur. Elsässer und die anderen Redner bedienen damit vor allen Dingen den Wunsch der Massen nach mehr Radikalität, Volksverhetzung eingeschlossen. Deklariert wird dies als Meinungsfreiheit. Und nicht nur an diesem Tag in Zwickau sind die leisen Töne nicht gewollt. Immer, wenn es die Möglichkeit gab, auf eine weniger radikale Schiene zu wechseln, wurde diese Chance vom besorgten sächsischen Bürger nicht wahrgenommen. Die moderatere Katrin Oertel und der von ihr begründete Verein „Direkte Demokratie für Europa“ erfuhren genauso wenig Zuspruch wie die Bemühungen eines Reiko Beil, Pegida dazu zu bewegen, auf Politiker zuzugehen. Stattdessen haben Auftritte von Elsässer und Tatjana Festerling weiterhin massig Zulauf. Vor allen Dingen in Sachsen.

Nach einem Wollt Ihr…?-Fragespiel eines weiteren Redners im Sportpalaststil und der Negierung, dass das Recht auf Asyl ein Menschenrecht sei, geht die Kundgebung nach etwa zwei Stunden zu Ende.

Was bleibt ist einmal mehr die Erkenntnis, dass Sachsen ein Problem hat. Ordner tragen in Zwickau Mützen in Farben des wilhelminischen Kaiser- und des Dritten Reiches und im Publikum brüsten sich Zuhörer damit, wieviele „Zecken“ sie schon gejagt hätten. Ein Kamerateam wird von Security begleitet und fast die gesamte Ordnerriege scheint sich aus Kameraden zusammenzusetzen.

Am bezeichnendsten ist jedoch der Zustand des Gegenprotestes. Auf einen Demonstranten, der Solidarität mit Flüchtlingen einforderte, kommen zwanzig Demonstranten, für die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten asozial sind.

Und es ist wohl kein Zufall, dass in einer am gleichen Tag stattfindenden Pressekonferenz der Chemnitzer Polizeipräsident die Schuld für die Eskalation in Clausnitz den Flüchtlingen im Bus gibt, nachdem bereits der Clausnitzer Bürgermeister den Mob in Schutz genommen hat. In derselben Nacht brennt unter Beifall und Jubel in Bautzen eine bezugsfertige Unterkunft für Asylsuchende. Die sächsische Polizei twittert daraufhin, in Bautzen brenne ein ehemaliges Hotel.

Die Norm in Sachsen hat sich verschoben.