Frankreich 2016 und Terror an sich selbst

Soldaten im Gare de l’Est 2016 / Rüdiger Morbach

Letztes Sommer schilderte uns Thaïs Payan, wie sich Frankreich nach dem Attentat auf Charlie Hebdo verändert hat. Mehr Polizisten, mehr Soldaten, mehr Überwachung. Sie äußerte damals die Hoffnung aller, dass die Franzosen eine Balance zwischen Freiheit und Sicherheit finden mögen. Ich war am Wochenende nach knapp einem Jahr wieder in Paris, und ich fand meine Hoffnung enttäuscht.

Die Enttäuschung fängt mit der banalen Erkenntnis an, dass alle Antiterrorgesetze und Soldaten die schrecklichen Attentate vom 13. November 2015 nicht verhindern konnten. Vielleicht wären weniger Menschen gestorben, wenn die Armee vor Ort gewesen wäre, vielleicht auch nicht. Was die Ereignisse vor Augen geführt haben, ist in erster Linie eins: Absolute Sicherheit ist eine Illusion. Wenn ein Mensch solche Taten begehen will, werden ihn Polizisten oder Soldaten nicht davon abhalten. Wollen wir in Freiheit leben, müssen wir diese Gefahr auf uns nehmen.

Wir können aber einiges tun, um uns Sicherheit vorzuspielen. Auch Sinnloses. So werden in Paris die Besucher öffentlicher Gebäude durchsucht. Halbherzig natürlich, der Metalldetektor piepst immer, Plastiksprengstoff dagegen sowieso nicht. Nur weil es sich gut anfühlt? Die ganze Stadt ist voller Aufkleber, „Plan Vigipirate“, Bürger sei wachsam. Soldaten ziehen in Grüppchen durch die Stadt, man meint sich in Kabul und nicht in der Stadt der Liebe, der Erfinderin der Freiheit. Orange Armbinden, auf denen „Sicherheit“ steht, Menschen zucken zusammen wenn jemand etwas auf Arabisch ruft, weniger Lässigkeit, weniger Touristen. Paris hat an Charme eingebüßt.

Wenn es nur das wäre. Die politische Lage ist mittlerweile ziemlich prekär und verschlimmert sich immer weiter. Der Ausnahmezustand, der einst übergangsweise verhängt wurde, gilt permanent, mindestens bis zum Sieg über den IS, und wird vielleicht bald Teil der französischen Verfassung werden. Liberté – égalité – fraternité – état d’urgence, Frankreichs Werte im 21. Jahrhundert. Die nominell sozialistische Regierung driftet immer weiter nach rechts, selbst Präsident Hollande ist neuerdings beliebt. Die letzte Bastion der Freiheit (ich übertreibe vielleicht) hat heute ihren Rücktritt von der Regierung bekannt gegeben. Justizministerin Christiane Taubira, streitbare Mutter der mariage pour tous, will sich nicht vor den Karren eines völlig sinnlosen Gesetzes spannen lassen, das Doppelstaatler-Terroristen ihre französische Staatsangehörigkeit entzieht. Unter der Häme der französischen Rechten verlässt sie, hochverdient wie viel verspottet, eine Regierung auf schlingerndem Rechtskurs.

Wenn die Präsidentin 2017 dann Marine Le Pen heißt und aus Frankreich einen rechten Polizeistaat macht, wissen wir endgültig dass der IS gewonnen hat. Wie schnell die Stimmung auch bei uns umschlagen kann, haben wir nach Silvester in Köln gesehen. Unsere freiheitlichen Gesellschaften sind auf einem zarten Fundament erbaut – schon ein paar Spinner mit Sprengstoffwesten bringen es zum wanken.

Schilder Plan Vigipirate / Rüdiger Morbach