Freital der Angst

Demo für Weltoffenheit und Toleranz in Freital am 08.05.2015

Die Originalversion des Artikels wurde am 3. August aktualisiert. Es wurden keine inhaltliche, sondern nur stilistische Veränderungen durchgeführt.

Bereits seit Wochen versammeln sich in Freital immer freitags aufgebrachte Menschen, um die Schließung des ehemaligen Berghotels „Leonardo“, das im März zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde, zu fordern. Auch an diesem Freitagabend treffen sie sich am Freitaler Platz des Friedens.

40.000 Einwohner zählt die Stadt südwestlich von Dresden. Zu den ersten Anti-Asyl-Demos in Freital kamen bis zu 1.500 Menschen, eine beachtliche Proportion. Zwar sind es mittlerweile weniger geworden, spürbarer Gegenprotest ist bis jetzt aber nicht erwachsen.

Doch anders als früher formiert sich dieses Mal Widerstand gegen die Asylgegner. Mit einer großen Gegendemo soll den Flüchtlingen gezeigt werden, dass sie nicht alleine sind. Initiator ist das vor Kurzem gegründete Freitaler Bündnis für Weltoffenheit und Toleranz, und auch bekannte Bündnisse wie Dresden Nazifrei oder das Netzwerk Asyl, Migration, Flucht mobilisieren für diese Kundgebung. Ich war neugierig, und bin mit den Demonstranten mitgefahren.

Bevor ich nach Freital aufbreche, schaue ich noch einmal auf einer der zahlreichen Facebookseiten vorbei, auf denen mittlerweile zum 9. Mal gegen Flüchtlinge mobilisiert wird. „Nein zum Hotelheim!“ ist das Motto. In der vergangenen Nacht war die Seite für einige Stunden abgeschaltet. Nun ist sie wieder erreichbar und damit auch unzählige Kommentare, die einen Einblick in die Gedankenwelt der „besorgten Bürger“ gewähren.

Kommentare auf der Facebook-Seite von "Freital wehrt sich"

Kommentare auf der Facebook-Seite von „Freital wehrt sich“

„Einfach weg mit denen. Zurück auf de boote“ schreibt jemand, nur zwei Wochen, nachdem 700 Menschen auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrunken sind. Es ist einer der harmloseren Kommentare. Bis Mitte April lagen der Polizei im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge acht Anzeigen wegen volksverhetzender Kommentare vor.

Um 17:30 stehe ich an der Rückseite des Bahnhofs Neustadt in Dresden, von wo der Schienenersatzverkehr in Richtung Freital abfährt. Etwa 40-50 junge Menschen stehen an der Haltestelle und wärmen sich in der Sonne. Was die Leute antreibt, nach Freital zu fahren, will ich wissen. „In Freital gibt es leider noch keine Bewegung, die da etwas macht“, erklärt Hannes, ein 26-jähriger Student. Er wolle nach Freital fahren, um etwas Solidarität zu zeigen und die Menschen zu beschützen.

Der Bus wird voll und fährt südlich aus Dresden raus, an der Weißeritz entlang, durch den Plauenschen Grund. Es ist ein schöner Weg; viel Grün und ab und an verlassene Gebäude, die von früheren Tagen zeugen, als im Felsenkeller noch Bier gebraut wurde. Künstler wie Caspar David Friedrich waren schon zur Zeit der Romantik fasziniert von den Talhängen. Ein Stück weiter verbindet eine Brücke hoch oben zwei Felswände links und rechts der Weißeritz, in denen die A17 wieder in Tunneln verschwindet.

Zwischen Freital und Dresden / Foto Alexej Hock

Verlassenes Gebäude zwischen Freital und Dresden / Foto Alexej Hock

In Freital angekommen macht sich die Gruppe aus Dresden auf den Weg zum Treffpunkt. Mit Ausnahme von 20 Störern, die sich unweit vom Startpunkt der Demonstration mit einer Deutschlandflagge bemerkbar machen, bleibt es ruhig. 200 Menschen haben es – trotz Bahnstreik – an diesem Freitagabend nach Freital geschafft, um ein Zeichen der Solidarität mit den Flüchtlingen in Freital zu setzen. Dass es so viele sind, ist zu einem großen Teil den aus Dresden Angereisten zu verdanken. Sogar aus Leipzig kamen einige.

Um kurz nach 18 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung, den Weg hoch zum Berg. Ich lasse mich zurückfallen und versuche, Stimmen von Anwohnern einzufangen, doch kaum jemand will mit mir reden. Erst als ich am Folgetag wiederkomme werden die Anwohner gesprächiger.

Ein 63-jähriger Herr, den ich vor seinem Haus nur 20 Meter vom „Leonardo“-Hotel entfernt antreffe, hält nichts von der Solidaritäts-Kundgebung: „Fast jeden Tag gibt es hier Polizeieinsätze. Polizeiwagen, Krankenwagen… Was hier unter der Woche passiert, kriegen die nicht mit.“ Er fühlt sich belästigt, und verlangt die Schließung des Heims. Deswegen geht er auch zu den Demos von „Freital wehrt sich“.

„Weil sie die Einrichtung zerschlagen und sich gegenseitig die Köpfe einhauen“ kämen Polizei und Krankenwagen, davon ist er überzeugt. Dabei werden die Einsätze weniger durch kriminelle Asylbewerber oder Vorfälle in den Unterkünften als vielmehr durch angemeldete und spontane Demonstrationen ausgelöst.

Vieles beruht auf Vermutungen und Gerüchten, einen Kontakt mit den Flüchtlingen, die nur wenige Meter entfernt von ihnen wohnen, suchen meine Interviewpartner nicht. „Man kann es nicht wissen, ob es Kriegsflüchtlinge sind, doch ich glaube das nicht“, mutmaßt eine Rentnerin, die 30 Meter weiter wohnt. „Schauen Sie sich doch mal die jungen Kerle an, die kommen nur her, um sich gesundzustoßen.“

Gegen 19 Uhr biegt der Demonstrationszug in die Straße ein, die zum Parkplatz des „Leonardo“, dem Endziel der Kundgebung, führt. Ein lautes „Say it loud, say it clear – refugees are welcome here“ schallt durch die fünf Häuserblocks, die quer zur Straße stehen.

Die Bewohner blicken neugierig von den Fenstern und Balkonen. Yvonne seufzt erleichtert, als sie begreift, was für eine Gruppe gerade an ihr vorbeigezogen ist. „Ich dachte schon, es wären wieder die“, verrät sie mir, als ich sie nach ihrer Meinung zu der Stimmung in Freital frage. Dass es nicht wieder die sind, findet sie gut.

Die – das sind die Asylgegner, die sich zuletzt manchmal auch spontan und ohne Anmeldung vor dem „Leonardo“ versammeln, oft in den Abendstunden. Nicht nur im Internet verlieren die Organisatoren der asylfeindlichen Kundgebungen zunehmend die Kontrolle über ihre Anhänger.

Alle hätten Angst, erzählt mir Luan*, als wir auf dem Parkplatz ankommen. Der 25-Jährige stammt aus dem Kosovo. Er trägt eine Sonnenbrille, gibt sich lässig und feixt mit seinen Freunden. Sie freuen sich sichtlich über die Unterstützung aus der Umgebung. Erst als ich ihn auf die nächtlichen Besuche anspreche, wird Luan ernst. Jeden Montag kämen sie neuerdings hoch auf den Berg, zum ehemaligen Hotel. Er stellt dann lieber die Musik leise und bleibt vom Fenster fern.

Seit drei Monaten ist er nun in Deutschland, hat vor Kurzem einen Asylantrag gestellt und will jetzt Deutsch lernen. Trotz all der Anfeindungen würde er nicht woanders hinwollen, könnte er wählen. Ihm gefällt Dresden, er mag die alten Häuser und würde gerne mehr über die Geschichte der Stadt erfahren. Auf der Fahrt nach Dresden wird er nun aufpassen müssen, sich so zu verhalten, wie es die „Bürgerwehr“ verlangt.

Unterdessen beendet ein Vertreter des Freitaler Willkommensbündnisses seine Rede. Doch die Redebeiträge stehen nicht im Mittelpunkt, viele Demonstranten nutzen die Gelegenheit, um mit den Flüchtlingen in Kontakt zu kommen.

Um kurz nach 20 Uhr wird die Kundgebung aufgelöst. Der Bus zurück nach Dresden muss umgeleitet werden, da die Demo von „Freital wehrt sich“ noch läuft. Anscheinend ist es zu gefährlich den vollen Bus an der Kundgebung vorbeizuführen, an der sich nach eigenen Angaben 600 Menschen beteiligen.

Den ganzen Abend über hat die Polizei die beiden Lager weit auseinander gehalten. Vielleicht ist es auch deswegen an diesem Freitag so ruhig geblieben. Mit vier Polizeiwagen im Anhang fährt der Bus in Richtung Dresden.

Später lese ich neue Kommentare wie „Und auch ihr werdet noch begreifen das friedlich gar nichts zu ändern geht“, und mich beschleicht ein ungutes Gefühl. Aus solch einer Stimmung heraus können die Dinge leicht eine Eigendynamik entwickeln, das haben uns Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen gezeigt.

* Name geändert