„Ich hatte nur zehn Sekunden um mich zu entscheiden“ – Mahmods Flucht aus Syrien

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Syrischer Soldat / Videoprint WMC News Channel online 24/24

Ende 2014 interviewte Alexej für PIG Maher, der aus Syrien nach Deutschland geflüchtet war. Damals zeichnete sich schon ein deutlicher Zuwachs der Zahl der in Deutschland Asyl beantragenden Kriegsflüchtlinge aus Syrien ab, der im chaotischen Jahr 2015 seinen bisherigen Höhepunkt erreichte. Mittlerweile sind viele der anfänglichen Organisationsprobleme überwunden, Deutschland stellt sich darauf ein die Geflüchteten langfristig aufzunehmen. Damit einher geht der Zugang zu Sprachkursen, zu Hochschulen und Universitäten. Auch Mahmod hat seinen Platz in Deutschland gefunden, er lernt Deutsch und bereitet sich auf einen Masterstudiengang an der Universität Würzburg vor. Ich bat ihn, mir von seiner Flucht aus Syrien und seiner Aufnahme in Deutschland zu erzählen. Er spricht sehr gut Deutsch. Zu seiner Sicherheit haben wir uns entschieden, alle Namen und einige Details zu verändern.

Wann bist du nach Deutschland gekommen?

Ich kam vor etwa zweieinhalb Jahren nach Deutschland, im November 2013. Meinen Asylantrag stellte ich in Karlsruhe. Nach einem Monat bekam ich einen Transfer nach Stuttgart. Dort musste ich den gesamten Papierkram für die Aufenthaltserlaubnis erledigen. Ich wohnte acht Monate in einem Asylbewerberheim in der Nähe des Stuttgarter Flughafens. In der Nähe davon besuchte ich den ersten Deutschkurs, noch bevor die Aufenthaltserlaubnis da war, auch etwa acht Monate lang. Als die Aufenthaltserlaubnis da war, durfte ich mir dann eine Wohnung suchen. Nicht so einfach in Stuttgart! Zum Glück half mir jemand von der Kirche, so dass ich einen Mietvertrag für drei Monate in einem Gastraum bei Stuttgart bekam. Dort wohnte ich dann und versuchte zugleich vergeblich, etwas in Stuttgart zu finden. Mein bei Freiburg lebender Bruder meinte zu mir, dass er mir helfen kann etwas in seiner Nähe zu bekommen. So zog ich zu ihm, wo ich auch innerhalb von zwei Monaten einen Platz in einem B2-Deutschkurs bekam und einen Nebenjob als Kellner in einem Kulturcafé fand. Ende letzten Jahres bekam ich dann die Zulassung der Uni Würzburg für einen Masterstudiengang, weswegen ich dann nach Würzburg zog.

Warum bist du nach Deutschland gekommen?

Aus verschiedenen Gründen. Meine Situation war schwierig. Ich sollte meinen Wehrdienst antreten, weil ich mein Bachelor-Studium abgeschlossen hatte. Und ich habe beim Roten Kreuz gearbeitet, was sehr gefährlich war. Warum ausgerechnet Deutschland? Hauptgrund war, dass ich einen Bruder hier habe, der seit 17 oder 18 Jahren in der Nähe von Freiburg lebt. Meine Familie ist seit dem Krieg in der ganzen Welt verstreut. Vor dem Krieg war nur mein Bruder in Deutschland und meine Schwester in Kanada, der Rest der Familie hat in Damaskus gewohnt. Mittlerweile sind meine Eltern bei meiner Schwester in Kanada. Meine noch in Damaskus lebende Schwester konnte ich nicht mehr häufig sehen, weil wir in verschiedenen Zonen von Damaskus wohnten. Das Passieren der Checkpoints der Armee und anderer Kriegsparteien ist zu gefährlich, weil alle wollen dass man für sie in den Krieg zieht.

Wurdest du schon von der Armee einberufen?

Mein Einberufungsbescheid war zwar noch nicht da, aber wie jeder Syrer hatte ich ein kleines Heft, ähnlich einem Pass, aus dem ich sehen konnte, dass ich drei Monate nach Ende meines Bachelorstudiums einberufen würde. Ich dachte mir, dass diese drei Monate die beste Zeit seien, Syrien zu verlassen, weil es danach unmöglich ist eine Erlaubnis dafür zu bekommen. Ich beschloss einen Pass zu beantragen und für die erste Zeit in den Libanon zu gehen. Dort war ich kurze Zeit, dann ging ich nach Ägypten. Ich dachte, das wäre nicht schlecht, weil ich dort hätte einen Master machen können. Leider war die Lage nicht gut, die Präsidenten wechselten, von Sisi zu Mursi, es herrschte Chaos. Da flog ich zurück in den Libanon. Es war noch vor dem großen Flüchtlingsandrang nach Europa, eine Flucht war sehr gefährlich und teuer. Ich dachte mir, dass ich eh nichts zu verlieren habe, da es ja egal ist ob ich jetzt im Libanon oder woanders sterben muss.

Hattest du im Libanon Angst um dein Leben?

Wir haben ein Sprichwort im arabischen Raum: Jede Spannung auf der Welt spiegelt sich im Libanon wieder. Egal was für ein Problem in Marokko auftaucht, es gibt irgendeinen Bezug zum Libanon. Die Lage dort ist sehr kompliziert, es gibt sehr viele Parteien, von denen die eine Hälfte zur Regierung gehört, die andere Hälfte zur Opposition. Es gibt sehr viele Probleme dort, etwa die Hisbollah. Ich bin nicht aus Syrien weggegangen, um die Probleme dann im Libanon zu bekommen. Es gibt keine Rechte für Flüchtlinge, man bekommt keine Arbeitsgenehmigung. Ich arbeitete für einen Euro pro Stunde als Fliesenleger, womit ich kein Problem hatte, was aber auch illegal war. Das Militär war ein paar Mal da und warf uns vor, den Libanesen das Geld wegzunehmen. In die Türkei wollte ich auch nicht. Ich wollte ehrlich gesagt kein Türkisch lernen, die Sprache zu können nützt nicht viel, und einen Bruder habe ich in der Türkei auch nicht. Die Lage für die Türken selbst ist schon schwierig genug.

Syrisches Mädchen im Libanon / WMC: DFID - UK Department for International Development

Syrisches Mädchen im Libanon / WMC: DFID – UK Department for International Development

Aber immer noch viel besser als Syrien, oder?

Klar. In Syrien sind die Soldaten und Geheimdienstleute Götter, sie haben alle Macht und sind niemandem verantwortlich. Wenn dir ein Soldat etwas befiehlt, kannst du nichts machen. Er entscheidet über Leben und Tod. Wie ein Gott.

Es gibt einen Geheimdienst für die Sicherheit des Luftverkehrs. Er heißt Al-Muchabarat Al-Dschawwiyya (Amt für Luftaufklärung, Anmerkung PIG), ist in einem Stadtteil von Damaskus namens Mazzeh und wird von einem General namens Jamil Hassan geleitet. Es geht den Geheimdienstleuten aber gar nicht um die Sicherheit des Luftverkehrs, ihre Aufgabe ist es, Menschen zu einer Aussage zu bringen. Sobald die Menschen dann sagen, dass sie gegen Assad sind, werden sie vor ein Gericht gestellt. Es geht ihnen aber auch nicht um den Glauben, sie sind einfach unmenschlich, sie sind Tiere. Wer einmal dort ist, kommt nicht wieder raus. Ein Freund von mir war dort, er war Soldat, in einer anderen Stadt. Er bekam den Befehl auf Demonstranten zu schießen, führte ihn aber nicht aus. Er wollte keine Demonstranten erschießen, die nur ihre Freiheit verlangen und keine Terroristen sind. Er wurde bestraft und musste zu diesem Geheimdienst. Nach drei Monaten kam er frei und wir haben uns wiedergesehen. Er konnte kein Arabisch reden, er konnte gar nicht frei reden, er war eine andere Person geworden. Ich konnte nicht einfach nett zum ihm sein, weil ich das Gefühl hatte ihn noch mehr zu verletzen. Ich wollte ihm wie einem normalen Menschen gegenübertreten, Mensch zu Mensch mit ihm reden. Wir unterhielten uns. Ich werde das nie vergessen: Er sah mir in die Augen und sagte: Du weißt nicht, was passiert ist. Da habe ich nichts mehr gesagt. Sie sind unmenschlich. Sie verletzen die Menschlichkeit in dir. Wie gesagt, sie sind Götter auf der Erde.

Zwei Geheimdienstleute haben ihn verhört, und einer sagte ihm, dass ihm sein Po gefiele. Mein Freund sagte später zu mir: „Mahmod, du kannst dir nicht vorstellen, was ich in dieser Sekunde durchgemacht habe. Ich habe geweint, aber was konnte ich machen?“ Sie haben ihn dann zwar nicht vergewaltigt, aber sie haben ihn mit Stromschlägen gefoltert.

Sie dürfen alles. Seit Notstandsgesetzen nach der Märzrevolution 1963 darf der Staat jeden festnehmen, und ohne Haftbefehl und ohne Gerichtsfahren bis zu sechs Monate in den Gefängnissen der Sicherheitsdienste festhalten. Wenn die Behörden möchten, können sie danach Anklage erheben, aber das passiert nur in zehn Prozent der Fälle. Seit Beginn des Krieges fast gar nicht mehr.

Was war der Moment, an dem du wusstest, dass du aus Syrien wegmusst?

Es gab da diesen Checkpoint in meiner Nähe, besetzt mit etwa 40 Soldaten. Ich habe den Checkpoint drei, vier Mal überquert, die Soldaten waren wie Nachbarn. Einer von ihnen heißt Ahmad. Er rief mich an einem Freitag an, gegen 14 Uhr. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern. Ich habe abgenommen und er redete, er war sehr ängstlich, ich habe das sofort gemerkt. Er sagte er müsste mich etwas bitten, wenn ich nicht wollte sollte ich einfach nein sagen. Ich bat ihn zu sagen, was er wolle. Er sagte: „Ich muss abhauen, ein General kommt zu einer Kontrolle zum Checkpoint und weiß, dass bei mir etwas nicht in Ordnung ist. Ich glaube, dass er versuchen wird mich zu töten. Kannst du mir helfen?“
Was sollte ich machen? Jemand ruft dich an und sagt dir, entweder du hilfst mir oder ich sterbe. Ich sagte ihm, er solle mir entgegenlaufen, ich käme mit dem Auto zu ihm. Ich parkte an einer Ecke, damit man mein Auto nicht sieht. Er kam und sagte nur: „Bring mich zu irgendjemandem, der mir gegen Geld hilft, hier wegzukommen.“ Er versteckte sich in meinem Kofferraum und ich fuhr zum Checkpoint. Ich weiß bis heute nicht, wie ich dazu in der Lage war, ich habe keine Ahnung, bis heute nicht. Ich musste am Checkpoint vorbei, es gibt keinen anderen Weg. Ich nahm mir eine Zigarette und machte ein englisches Lied an. Weil ich einen Bart hatte, machte ich meine Haare spiky, also auf cool, damit sie nicht dachten, dass ich ein Salafist wäre. Ich drehte das Lied laut und fuhr langsam auf die Kontrolle zu, um es dort wieder leise zu drehen. Ich schaute dem Soldaten in die Augen und sagte in seinem Dialekt „Grüß dich“, ich hoffe dass er dann ruhig bleibt. Er fragte mich woher ich komme, und ich sagte: „Hey, ich bin doch dein Nachbar.“ Da entspannte er sich. Bevor er fragen konnte, wo meine Ausweise sein und ob ich den Kofferraum aufmachen könne, sagte ich ihm dass ich kurz in die Stadt fahren und etwas einkaufen wolle, ob er dann auch etwas bräuchte. Er sah nach oben und überlegte. Ich meinte: „Sag was du brauchst, ich bring es dir mit, ich fahre sowieso.“ Er sagte, dass ich ihm zwei Packungen Mate mitbringen solle, wie Tee, sehr typisch bei uns. Ich versprach es und durfte losfahren. Erst nach 100 Metern atmete ich aus. Das war so nervenaufreibend. 400 Meter hinter dem Checkpoint ist ein Laden. Ich kontaktierte erst einen Bekannten und lud Ahmad bei ihm ab, dann ging ich in den Laden und kaufte Mate. Ich hatte aber kein Geld bei mir, ich war ja so schnell aufgebrochen. Aber sie kennen mich da, und ich sagte, dass ich es später zahlen würde, was kein Problem war. Ich habe das bis heute nicht bezahlt, ich hoffe Gott verzeiht mir [lacht]. Dann fuhr ich zurück und lieferte die Packungen am Checkpoint ab. Ich merkte sofort, dass die Soldaten durcheinander sind. Sie hatten bemerkt, dass jemand fehlte, dass Ahmad nicht da war. Der Soldat behandelte mich richtig schlecht. Ich sagte: „Entschuldigung, ich wollte nur die Packungen hier abliefern.“ Er sagte: „Jaja, gib her, scheiß auf dich, fahr weiter.“ Da fuhr ich weiter. Nach einer Viertelstunde rief Ahmad an und sagte, dass er seinen Ausweis in meinem Kofferraum vergessen hatte. Gottseidank haben sie mich nicht nochmal kontrolliert. Wenn sie den gefunden hätten… Ich sagte zu ihm nur „Ich schick dir den später, lass mich jetzt in Ruhe.“

Wenn so etwas beim Militär passiert, drehen sie durch und wollen alle Straßen kontrollieren, um den desertierten Soldaten zu finden. Da rief ich meinen Schwager, der ein ziviler Angestellter der Armee ist. Er hat einen normalen Ausweis und einen Militärausweis. Ich rief an und sagte: „Nabil, ich bin jetzt zuhause, sie werden unsere Straße kontrollieren. Ich glaube es stimmt etwas nicht. Kannst du mich abholen?“ Ich wusste ja, dass es nicht weit ist. Sieben Minuten später war er bei mir. Ich versuchte in der Zwischenzeit meinen Bart abzurasieren, um anders auszusehen. Mein Vater war total sauer. Er schimpfte und brüllte: „Jetzt bringen sie dich um, was willst du jetzt machen?“ Ich brüllte zurück, bat ihn nicht zu schreien. „Und wenn ich jetzt sterbe, lass mir diese fünf Minuten und schrei nicht mehr.“ Ich bin sonst immer nett zu ihm, aber in diesem Moment konnte ich mich nicht kontrollieren. Dann kam Nabil, klingelte mich an und ich ging sofort runter. Er wollte sein Auto wenden, um zurück zu fahren, und da stand auf einmal ein Panzer da und drei Pick-Ups mit Maschinengewehren darauf. Sie kontrollierten uns. Ich habe zwei Namen. Im Ausweis steht Mahmod. Man nennt mich aber auch Amjad. Sie fragten nach meinem zweiten Namen, nach Amjad. Meine Mutter sagte, dass ich nur Mahmod heiße, und konnte das mit meinem Ausweis beweisen, in dem nur Mahmod steht. Da wurden die Soldaten ruhig, weil sie ja einen Mann mit einem anderen Namen suchten. Ich fuhr dann mit meinem Schwager nach Damaskus, er brachte mich dort bei seinem Bruder unter. Sein Bruder ist auch ein Freund von mir. Bei dem blieb ich. Das war die gefährlichste Situation, in der ich gewesen bin.

Du hättest an diesem Kontrollpunkt sterben können.

Diese Frage habe ich mir in meinem Kopf oft gestellt. Ich habe keine Ahnung, warum ich das gemacht habe. Man sollte sich sorgfältig überlegen, ob man sich in so eine Gefahr beginnt. Aber dazu hatte ich keine Zeit, ich hatte nur zehn Sekunden um mich zu entscheiden.

Ich habe mich oft gefragt: Würde ich das nochmal machen? Ein Checkpoint mit 40 Soldaten, ohne Plan? Aber es war die richtige Entscheidung. Nach drei Monaten rief er mich an und sagte, dass er nach Qamischli durchgekommen ist, indem er jemandem Geld bezahlt hat. Ich meinte nur „Halts Maul jetzt, lass mich in Ruhe“ [lacht]. War natürlich nicht böse gemeint.
Ehrlich gesagt, ich hatte auch große Angst um meine Eltern. Als ich abgehauen bin habe ich gedacht, dass sie jetzt unser Haus kontrollieren. Mein Vater ist alt, meine Mutter auch. Wenn etwas passiert, was soll ich machen? Gott sei Dank sind sie jetzt in Kanada, in Sicherheit.

Hast du jetzt noch Familie in Syrien? 

Meine Schwestern, sie leben immer noch mit ihren Männern in Syrien. Aber nicht im Rif Dimashq, sondern in Damaskus selbst. Da ist es ruhiger. Im Vergleich zum Ausland ist die Lage da auch nicht gut, aber im Vergleich zum Rif ist es schon besser. Mit Ausland meine ich jetzt Libanon, die Türkei und Jordanien, noch nicht einmal Deutschland oder Kanada. Mein Heimatland aber ist Syrien, da möchte ich wieder leben. Da kenn ich mich auch am besten aus.

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Damaskus bei Nacht / WMC User: Zelidar

Bist du nach den Ereignissen am Checkpoint sofort geflohen?

Nein, nicht sofort. Ich blieb noch drei Monate in Damaskus. Damaskus ist nicht wie der Ort, wo meine Eltern gewohnt haben, im Rif. Damaskus ist größer und es gab zu dieser Zeit nicht so viele Kontrollen wie auf dem Land. In Damaskus konnte ich mich gut verstecken, mich aber in der Öffentlichkeit zeigen, da mich niemand dort kennt. Nach diesen drei Monaten ging ich zurück in den Libanon.

Erzählst du mir, wie du nach Deutschland geflohen bist?

Zunächst ging ich von Syrien aus zu Fuß in den Libanon. Ich musste durch die Berge, in das Grenzgebiet von Israel, Syrien und Libanon. Ich lief etwa zwölf Stunden. Dort beschaffte ich mir einen Stempel für meinen Pass, der bescheinigt, dass ich legal in den Libanon eingereist bin. Diese Stempel kann man kaufen. Innerhalb von einer Woche hatte ich den Stempel und nahm dann ein Flugzeug vom Libanon in die Türkei. Von Izmir fuhr ich mit einem Boot nach Griechenland, auf eine dieser vielen Inseln.

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Ein Flüchtlingsboot trifft auf der Insel Lesbos ein – WMC / Ggia

Mit einem Schlepper?

Ja. Man findet in Izmir sehr leicht einen Schlepper, sie sind überall auf den Märkten und fast alle sprechen auch arabisch. Viele Syrer, viele Libanesen. Sie gehören aber alle zur selben Person oder zur selben Gruppe. Man muss vorher bezahlen, bei mir waren es etwa 1200 Euro. Sie erzählten uns erst, dass es eine Überfahrt auf einem großen Schiff wäre, zu einem Preis von etwa 3000 Euro. Aber das hat klappte nicht oder sie logen uns an, ich weiß es nicht genau. Auf jeden Fall fuhren wir dann mit einem kleinen Boot, die Überfahrt dauerte nur etwa vier Stunden. Es war nicht sehr gefährlich, das Wetter war gut, die See war ruhig. In Griechenland konnte ich mir schwarze Papiere beschaffen, einen falschen italienischen Pass. Damit flog ich nach Mailand. Am Mailänder Hauptbahnhof suchte ich mir eine Zugverbindung heraus, von Mailand nach Freiburg. In Freiburg stieg ich nach um. Ich verbrachte die Nacht bei meinen Verwandten und fuhr am nächsten Tag nach Karlsruhe, um Asyl zu beantragen.

Was hat dich deine Flucht insgesamt gekostet?

Etwa 8000 Euro.

Viel Geld. Aber dann warst du bei deinem Bruder und erst einmal sicher.

Ich sage dir ehrlich, das war ein solches Gefühl, dem Krieg entflohen und einfach in einem sicheren Land zu sein. Das reichte mir schon. Um alles andere machte ich mir keine Sorgen, nicht um Geld, nicht um Arbeit. Ich wollte nur in Sicherheit sein nach drei Jahren Krieg.

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Polizisten erwartet einen Zug mit Flüchtlingen / WMC Wikiolo/MagentaGreen

Glaubst du, dass Deutschland für dich eine Heimat werden kann? Dass du auch dann hierbleiben würdest, wenn Syrien eines Tages wieder sicher würde?

Deutschland hat mehr für mich getan als Syrien es je getan hat. Ja, ich bin dort aufgewachsen, Syrien ist mein Heimatland. Aber Deutschland gab mir noch einmal die Chance, zu leben. Glaub mir, das war nicht einfach. Ich bin ein Optimist, ich bin es immer gewesen. Auch im Krieg habe ich immer Hoffnung gehabt. Aber in Deutschland sehe ich einfach viel mehr Chancen für mich. Deutschland ist kein Paradies, das ist klar. Leicht ist es hier auch nicht. Aber ich habe Hoffnung, irgendwann wird es klappen. Entweder in Deutschland, oder in Syrien. Natürlich hoffe ich auf Syrien, aber ich freue mich genauso, wenn ich etwas in Deutschland schaffe. Ich hoffe ja, dass ich nach meinem Studium hier irgendetwas machen kann, das Einfluss auf diese Gesellschaft hat.

Zum Beispiel schreiben, was du ja vorhast. Glaubst du, dass du damit die Welt verändern kannst? Ein bisschen vielleicht?

Ich glaube schon. Ich war in Syrien in einer ganz anderen Situation: Ich bin der Sohn eines reichen Vaters, der alles hatte. Dankbar war ich dafür nicht. Ich hatte ein Auto, alle anderen nicht. Ich habe in einer Villa gewohnt, alle anderen in normalen Häusern. Ich war nicht zufrieden. Ich habe gedacht, dass Geld mich zufrieden macht. Oder Macht.
Als ich alles verloren habe, habe ich gemerkt, dass ich mich selbst verbessern muss, damit mich die Menschen lieben. Mich lieben, und nicht meine Macht, oder mein Geld. Ich hoffe, dass die Menschen sich bewusst werden, was sie für Möglichkeiten haben, wenn sie nur wollen. Wie schön es ist, für den eigenen Weg zu kämpfen. Das würde ich gerne irgendwie vermitteln, das ist so ein Projekt in meinem Kopf. Vielleicht ein kleines Buch schreiben. Vielleicht können meine eigenen Erfahrungen jemand anderem etwas bringen. Auch wenn wir uns nicht persönlich kennen. Ein Mensch hat mich in dieser Hinsicht sehr beeinflusst. Er heißt Dschalal ar-Rumi. Er war Imam in einer Zeit, als die Araber, Türken und Mongolen sich stritten und ständig Krieg miteinander führten. Er aber hat immer an die Liebe geglaubt, und das ist so schön, in so einer Zeit Liebe zu finden. 600 Jahre später habe ich das gelesen, und es hat mich beeinflusst.

Soll es etwas Autobiographisches werden oder Fiktion?

Über mich will ich nicht schreiben, sondern über Menschen, die mir begegnet sind. Mit denen früher vor meinen Vorlesungen Kaffee getrunken habe. Die sich von mir Zigaretten geschnorrt haben. Die ich im Krieg verloren habe. Über einen Freund von mir, einen Bruder. Der beim Roten Kreuz sein Leben dafür gelassen hat, Menschen zu helfen. Ich kann ihn nicht vergessen. Über ihn möchte ich schreiben, damit er nicht vergessen wird.