Lacht!

Foto © quinn.ayna / Wikimedia Commons

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In dieser Woche konnte man in den Zeitungen über die jüngsten intellektuellen Ergüsse eines gewissen Herrn Arinc, seines Zeichens einer von vier Stellvertretern Erdogans und Mitglied des Regierungskabinetts, lesen, der, noch während oder vielleicht gerade anlässlich des muslimischen Zuckerfestes, zu einem Lamento über den Sittenverfall der türkischen Gesellschaft im Allgemeinen und der Frauen im Besonderen ansetzte.

Bereits der Umstand, dass sich ein Regierungspolitiker in einem – laut Verfassung – laizistischen und demokratischen Staat dazu berufen fühlt, das private Verhalten der Bürger als unsittlich zu kennzeichnen, ist befremdlich. Der Inhalt der Äußerungen gibt aber einen Vorgeschmack auf einen Staat nach dem Modell der regierenden AKP und ihres Vorsitzenden und unangefochtenen Anführers Recep Tayyip Erdogan, der sich am 10. August 2014 zum zwölften Präsidenten der Republik wählen lassen will.

Der Anstand gebietet Demut

Arinc bekundete seine tiefe Sorge über den zunehmenden Verfall von Anstand und Moral in der türkischen Gesellschaft. Die Fernsehprogramme seien aufgeladen mit sexuellen Inhalten, die junge Menschen zu sehr beeinflussten; der Drogenkonsum entwickle sich zu einem echten Problem und auch das Verhalten der Menschen in der Öffentlichkeit wie im Privaten bereiten dem 66-jährigen Politiker Sorgen. Besonders hervorzuheben ist ein Teil der Rede, in welchem Arinc danach fragt, wo denn die Frauen seien, die, wenn man einen Blick auf sie werfe, leicht erröten und den Kopf senken. Arinc bringt ferner seinen Wunsch zum Ausdruck, dass Frauen des Anstandes willen in der Öffentlichkeit nicht in lautes Gelächter ausbrechen, tratschen oder stundenlange Telefonate führen. Dies sind nur Ausschnitte aus der deutlich längeren Rede und bei Lektüre des gesamten Textes wird deutlich, dass Arinc auch den männlichen Teil der Gesellschaft nicht mit seinen Belehrungen verschont.

Und doch: Der Duktus der Rede ist klar und richtet sich vor allem an die Jugend und die Frauen. Die hervorgehobene Passage offenbart nicht nur die krude Auffassung eines Gründungsmitglieds der AKP. Mit Blick auf frühere Vorstöße Erdogans (Alkoholverbot, Geschlechtertrennung in Studentenwohnheimen, Bestrafung von Ehebruch) lässt sich vielmehr erahnen, dass dies keine Einzelmeinung innerhalb der Partei ist. Das Frauenbild, das Arinc vermittelt, bedient das religiös-konservative Lager, das stetig an Zuspruch gewinnt. Frauen sollen vor allem bescheiden, demütig und anständig sein. Dies gilt sowohl für ihr äußeres Erscheinungsbild als auch für ihr Verhalten.

Rückfall in überwunden geglaubte Muster

Mit diesem Frauenbild muss es ein Ende haben, will sich die Türkei tatsächlich zu einer weltoffenen und toleranten Gesellschaft entwickeln. Von der Regierung ist dabei freilich nichts zu erwarten. Während schon Atatürk die Emanzipation der Frauen unbeirrt voranzutreiben versuchte, findet unter Erdogan ein schleichender Rückfall in pseudo-religiös begründete „Traditionen“ statt. Die „neue Türkei“, ein Terminus, der vom Ministerpräsidenten gerne in Abgrenzung zum kemalistischen Staat verwandt wird, orientiert sich nicht etwa an der westlichen Welt, sondern an der Gesellschaft des Osmanischen Reiches. Erdogan versteht es geschickt, die Geschichte für seine Zwecke einzusetzen. Nicht wenige Türken träumen von einer Weltmacht Türkei mit einem Anführer Erdogan. Lange überwunden geglaubte Wunden, wie der Zerfall des Osmanischen Reiches, scheinen wieder aufzureißen.

Der kleine Mann hört die Reden des Ministerpräsidenten nur allzu gerne. Erdogan vermittelt schließlich das Gefühl, die Türkei sei wieder wer und brauche sich als starker, unabhängiger Staat nicht von Außen hineinreden zu lassen. In bewusster Abgrenzung zur europäischen Gesellschaft wird die Sittlichkeit und Anständigkeit glorifiziert; mit dem moralisch verkommenen Europa will man höchstens wirtschaftlich mithalten.

Die Türkei Erdogans und Arincs teilt unsere Werte nicht. Sicher, die säkularen, weltoffenen und toleranten Türken, die es zum Glück weiter in beträchtlicher Zahl gibt, wünschen sich eine moderne Gesellschaft; die Regierung und die Parlamentsmehrheit vertritt hingegen einen diametral entgegengesetzten Kurs. Dabei verkennt sie das Potential, das von starken, unabhängigen Frauen ausgeht. Sie bringen Innovation, Kreativität und Verhandlungsstärke mit (Aufzählung selbstverständlich nicht abschließend), wenn man sie nicht von vornherein ausbremst. Die Durchmischung von Führungsebenen mit Männern und Frauen ist ein wichtiger Faktor für ein erfolgreiches Management. Dies gilt nicht nur für Unternehmen, sondern auch für den Staat. Doch starke Frauen passen nicht in das Weltbild der Regierung und ihrer Wähler. Dementsprechend ist der Frauenanteil im Kabinett Erdogan nicht der Rede wert. Dem Kabinett gehört gerade einmal eine Frau an, die Ministerin für Familie und Sozialpolitik. Eine einzige Frau in einem 26-köpfigen Kabinett!

Die Zivilgesellschaft muss opponieren

Natürlich darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass trotz aller Widrigkeiten auch in der Türkei starke Frauen wichtige Positionen in der Privatwirtschaft und sogar in staatlichen Institutionen besetzen. Doch ginge es nach Arinc, müssten diese in Angesicht eines Mannes leicht erröten und ihren Kopf senken. Herr Arinc verlangt Demut. Demut aber vor wem? Vor den Männern? Niemals! Die Türkinnen und Türken dürfen es nicht so weit kommen lassen. Sie müssen sich wehren und sich widersetzen.

Allein der Versuch, Frauen zu demütigen Gesten anzuhalten, gehört harsch zurückgewiesen. Frauen sollten laut lachen, wenn ihnen danach ist. Sie sollten anziehen, was ihnen zusagt; die Kürze des Rocks oder die Tiefe des Ausschnittes geht außer der Frau niemanden etwas an! Die jungen und auch die alten Menschen sollten weiterhin ausgehen, nach eigenem Gusto Alkohol trinken, tanzen und lebensfroh sein. Sie sollten offen zu ihren außerehelichen Beziehungen stehen und im Zweifel gegen jede Form der gesellschaftlichen Kontrolle opponieren. Es hat weder die Nachbarn, noch den Staat zu interessieren mit welchen Männern eine Frau verkehrt, ob sie verheiratet ist oder wie oft sie ihre Partner wechselt. Die Realität sieht bedauerlicherweise anders aus.

Deshalb braucht es ein echtes Umdenken. Ja, die Türken sollten es den 68ern nachtun. Dazu müssen sie noch nicht einmal politisch sein. Die Proteste um den Gezi-Park haben gezeigt, dass es möglich ist, für die individuelle Freiheit einzustehen ohne einer bestimmten Partei anzugehören. Viele Menschen aus der Elterngeneration der Protestierenden haben sich mit ihnen solidarisiert; das Potential ist da! Und auch die Türken hierzulande können etwas tun. Sie können – sofern sie dies nicht ohnehin bereits tun – beginnen, ihren Kindern die erforderlichen Freiheiten zu geben, sie können damit beginnen, die Frage nach dem „Was werden die Nachbarn sagen?“ mit einem „Das ist mir egal!“ zu beantworten, und sie können ihren Freunden und Verwandten in der Türkei deutlich zu verstehen geben, dass ein westlicher Lebensstil nicht mit Exzessen einhergeht – und wenn doch: Dass damit nicht das Ende der zivilisierten Welt droht.

Wenn jetzt nichts passiert, steuert die Türkei weiter in Richtung eines islamisch-konservativen Staates. Sie vergeudet ihr Potential und verspielt sich die ohnehin immer weiter schwindende Chance auf eine EU-Vollmitgliedschaft. Die Leidtragenden werden am Ende die Menschen des Landes sein, die sich voller Enttäuschung über die früheren Regierungen einem Ewiggestrigen an den Hals geworfen haben.

Es muss anders gehen! Die türkische Gesellschaft hat viel mehr zu bieten. Türken sind gastfreundlich und offenherzig, sie haben ein wunderschönes Land und einen großartigen Familiensinn. Viele Türken können und wollen differenzierter mit politischen Problemen umgehen; die einfachen Parolen von Regierung und Opposition reichen ihnen aus gutem Grund nicht aus. Das Land hat echtes Potential, das weit über Tourismus und Billigproduktion hinausgeht. Es muss jedoch gefördert werden; dazu braucht es Freiräume.

Erdogan und Arinc dürfen jedenfalls nicht das Gesicht dieses Landes sein; sie haben keinen Humor.