Medien, die ultimative Waffe

'Destroy_this_mad_brute'_WWI_propaganda_poster_(US_version)

Amerikanisches Propagandaplakat aus dem 1. Weltkrieg

 „Das meiste Unwissen ist besiegbar. Wir wissen nur das, was wir wissen wollen.“

Aldous Huxley, Schöne neue Welt (Brave New World)

Nachrichten werden heutzutage immer schneller verbreitet, und das ist umso besser. Aber kann man der Berichterstattung blind vertrauen? Muss man ihr alles glauben? Ich glaube nicht, und das zu meinem Glück.

Irak: die Medien im Dienst des Krieges

John Pilger, ein australischer Journalist, der als Kriegskorrespondent schon viele Konflikte miterlebt hat (etwa in Kambodscha und Vietnam), wurde bereits zwei Mal mit dem berühmten englischen Preis „Journalist of the Year“ ausgezeichnet. Im Jahr 2010 erschien sein Dokumentarfilm „The War You Don’t See“, der die Mediendarstellung des Zweiten Irakkrieges thematisiert.

In diesem Film stellt sich John Pilger mehrere Fragen, so zum Beispiel: Welche Rolle spielten die Medien während des Krieges? Wie wurde, im Fall des Iraks, eine Verbindung zwischen Saddam Hussein und dem 11. September 2001 gezogen? Wie konnten die Amerikaner nachträglich von dieser Tatsache überzeugt werden, die sich als Lüge herausstellte?

Wir erinnern uns an Colin Powells geglückte Inszenierung mit dem Ziel, die Großmächte dieser Welt von einem Angriff auf den Irak zu überzeugen. Hauptargument: die Sicherstellung von Massenvernichtungswaffen. Beeindruckende Worte für eine empfängliche Bevölkerung, die die Massenmedien, das Kino und die Kraft der Bilder gewohnt war. Dieses Mal sollten aber nicht Hausfrauen und Mütter zum Kauf einer neuen Mikrowelle oder eines Fernseher bewegt werden (Baby-Boom-Marketing), sondern der Großteil der Bevölkerung sollte von einem Vergeltungsschlag für die Attentate des 11. September überzeugt werden. In was für einer Situation? Eine noch von diesem tragischen Ereignis geschockte Bevölkerung, der man nicht wirklich die Zeit gibt sich zu fragen und sich zu entscheiden, was sie tun soll und was nicht, gleich einem Kind, das gerade erst Laufen gelernt hat.

Wenn wir Journalisten, also auch ich selbst, von Anfang an die relevanten und tiefgründigen Fragen gestellt hätten, die wir hätten stellen müssen und wenn wir uns nicht mit einfacher Stenographie zufrieden gegeben hätten sondern eine richtige Reportage gemacht hätten (also zum Briefing gehen, Fragen an Beamte stellen und alles am nächsten Tag drucken). Wenn wir unsere Arbeit richtig gemacht hätten, dann hätte es tatsächlich vielleicht keinen Krieg gegeben“, lautet die Antwort von Dan Rather, bekannter Journalist und Nachrichtensprecher des Nachrichtensenders CBS zu John Pilger.

Und was haben wir heute? Versprochene Freiheit und Demokratie? Ein Volk, glücklich lebend bis ans Ende seiner Tage? Ein funktionierendes Bildungssystem? Nichts dergleichen!

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: 110.000 Zivilopfer zwischen 2003 und 2011 (so Foreign Policy), allein 4.500 Tote im Jahr 2012. Selbstmordattentate, Morde, interkonfessionelle Konflikte, eine geschwächte, der Islamische Staat (IS) [Autor benutzt Akronym „Daesh“, Anmerkung PIG] gegenüber machtlose irakische Armee. Eine Armee die beim Einmarsch der amerikanischen Streitkräfte zerschlagen wurde und die ein Sicherheitsvakuum hinterließ, in dem sich das Land nun befindet. Die Einzigen, die eine gewisse Macht gegen den IS haben, sind die bewaffneten Kurden, die von „der Achse des Guten“ unterstützt werden und die für eine Zerschlagung des Landes sind. Aufgrund der sinnlosen Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten ist die Spaltung des Landes unausweichlich. So befinden sich die Iraker in einer unmöglichen Situation, um die sie nie gebeten haben. Und wir als unbeteiligte Beobachter sind den Nachrichten voll auf den Leim gegangen.

Libyen: Die Medien im Dienst der „Freedom fighters“

Seit ihrem Einmarsch im Jahre 2011 behauptet die NATO, aus „Menschlichkeit“, „Mitgefühl gegenüber den libyschen Demonstranten“ und „zu deren Wohl“ eingeschritten zu sein. So stellt es zumindest der „berühmte Philosoph“ (wer auch immer ihn so nennen mag) Bernard-Henri Lévy. Ein Philosoph, der die Macht hat, die gesamte Außenpolitik eines Landes wie die Frankreichs zu beeinflussen.

Am 17. März 2011 wird die Resolution Nr. 1973 vom UN-Sicherheitsrat verabschiedet, fünf Mitgliedsländer enthalten sich: Deutschland, Brasilien, China, Indien und Russland. Diese UN-Resolution gibt den Mitgliedsländern der UNO die Möglichkeit, die Zivilbevölkerung und die Zivilgebiete in Libyen beschützen zu können. Sie sieht eine Flugverbotszone über Libyen vor und den Einsatz aller möglichen Mittel, um die Zivilbevölkerung zu schützen, ausgenommen der Einsatz von ausländischen Besatzungstruppen.

The Security Council […], decides to establish a ban on all flights in the airspace of the Libyan Arab Jamahiriya in order to help protect civilians”, “authorizes Member States […] to take all necessary measures […] to protect civilians and civilian populated areas under threat of attack in the Libyan Arab Jamahiriya, including Benghazi, while excluding a foreign occupation force of any form on any part of Libyan territory […]”.

Das mag alles sehr gut klingen! Leider neigt Geschichte dazu, sich zu wiederholen, und einmal mehr hatte die Praxis nicht viel mit der Theorie zu tun. Thierry Meyssan zufolge, einem französischen Journalisten, der bei den Ereignissen dabei war, werden Söldner mit Hilfe der westlichen Nachrichtendienste für die bevorstehenden Ereignisse ausgebildet und vorbereitet. Er hat einen Dokumentarfilm herausgebracht, der einen Eindruck von der Situation in Libyen gibt, bevor diese eskalierte (nur französisch). Zahlreiche Luftangriffe Frankreichs und seines kriegsliebenden ‚Omnipräsidenten‘ Nicolas Sarkozy folgen, kurze Zeit auch der NATO.

Es ist unser gutes Recht uns einige Fragen zu stellen und mit etwas Distanz auf die Ereignisse zu blicken. Hat der Krieg gegen Libyen irgendwelche Früchte getragen? War er die logische Konsequenz der Ereignisse des Arabischen Frühlings, vielleicht seine unvermeidliche Folge? War es der Wille des Volkes sich gegen seinen Herrscher aufzulehnen, also gegen Gaddafi? Das alles behaupteten zumindest die westlichen Medien, als der Konflikt begann und sogar schon vorher. Nur ein paar wenige Journalisten wagten es, den „Mainstreammedien“ zu widersprechen. So beispielsweise Michel Collon, ein belgischer Journalist, der auch in Libyen war und der den Trümmerhaufen einer Schule gefilmt hat, die von den Flugzeugen der NATO bombardiert wurde [Video nur auf französisch, Achtung drastische Bilder, Anm. PIG]. Diese Schule befand sich in Sorman, im nordwestlichen Teil des Landes, das offiziell als „Machtzentrum Gaddafis“ eingestuft wurde.

Und was kam am Ende dabei heraus? So chaotische Verhältnisse wie im Irak und sich gegenseitig bekämpfende Milizen. Es gibt keine Staatsgewalt mehr, die das ganze Territorium kontrolliert. Die zwei größten der um die Herrschaft des Landes konkurrierenden Gruppen (Tobruk und Tripolis) wurden am 10. Juni 2015 zu Friedensgesprächen nach Berlin eingeladen. Das Hauptziel: Dem IS Einhalt gebieten, der bereits die libysche Küstenstadt Syrte unter seine Kontrolle gebracht hat. Zu diesem Treffen wurden die Großmächte eingeladen, was den Ernst der Lage verdeutlicht. Nicht zu vergessen auch das regionale Ungleichgewicht, das der Sturz des Gaddafi-Regimes verursachte. Mali, Niger, Tunesien, Kamerun und Nigeria wurden destabilisiert. Letzten Endes ist die gesamte Sahara, dieses große und unübersichtliche Gebiet, durch mehr Schmuggel von Drogen, Tabak und Waffen noch unkontrollierbarer geworden. Die Sahelzone ist zu einem wahren Pulverfass und offenen Schwarzmarkt des Terrorismus geworden. Und wem haben wir das zu verdanken? Der NATO…

Und wir sind schon wieder in die Falle getappt.

Syrien: die Medien im Dienst des internationalen Terrorismus

Man kann nicht über die Rolle der Medien sprechen ohne den Fall Syriens mit einzubeziehen. Dieses Land, Wiege der Kultur, der Geschichte und der Wissenschaft erlebt seine dunkelste Stunde. Vom Beginn der tragischen Ereignisse an hat man über Syrien sofort von einer „logischen Konsequenz des Arabischen Frühlings“ gesprochen. Dann wurde der Finger auf Baschar al-Assad gerichtet, den ach-so-bösen Wolf, der sein Volk auffrisst. Medien und Politik unterstützten den syrischen „Aufstand“. Nur: Der Aufstand brachte ein Monster aus seinem Versteck. Eines, das, als es auftauchte, nur als „moderate Rebellengruppe“ bezeichnet wurde, um es erneut verschwinden zu lassen.

Der auf Syrien spezialisierte Journalist Gilles Munier berichtet in seinem Blog, dass die konservative Bürgerrechtsorganisation „Judicial Watch“ am 18. Mai per Gerichtsbeschluss die Herausgabe einer Reihe von mittlerweile freigegebenen US-Geheimpapieren erzwingen konnte, die beweisen, dass die Regierung in Washington den Terrorgruppen im Irak und in Syrien sehr bereitwillig entgegengekommen ist.  Ja sogar, dass die USA diese unterstützt haben. Eines dieser Dokumente der DIA (Defense Intelligence Agency) aus dem Jahr 2012 berichtet, dass die Terrorgruppe IS im Osten von Syrien willkommen sei, um die westliche Politik in der Region zu beeinflussen. Wörtlich heißt es in einem der Berichte: “The West, Golf countries and Turkey support the opposition […]”, “there is the possibility of establishing a declared or undeclared Salafist principality in Eastern Syria (Hasaka and Der Zor), and this is exactly what the supporting powers to the opposition want, in order to isolate the Syrian Regime.”

Ein anderes DIA-Dokument, das als “Secret/Noforn” klassifiziert wurde und vom 12. August 2012 ist, war den Nachrichtendiensten wie Centcom (United States Central Command), der CIA, dem FBI, dem Außenministerium und anderen bereits bekannt. Dieses Dokument belegt zweifelsfrei, dass der amerikanische Geheimdienst seit 2012 den Aufbau des Islamischen Staates im Irak und im Morgenland (ISIS) [ursprüngliche Selbstbezeichnung des IS, Anm. PIG] vorhergesehen hat. Aber dieses Dokument stellt diese brutale Gruppe nicht als Feind dar, sondern als strategischen Trumpf für die USA. Im Klartext: die Amerikaner wussten Bescheid, haben aber nichts unternommen.

Seit vielen Jahren haben zahlreiche Analytiker und Journalisten die Rolle der westlichen Geheimdienste bei der Bildung und Unterstützung der bewaffneten Opposition in Syrien genauestens beschreiben. Aber jetzt haben wir die Bestätigung, von oberster Instanz der amerikanischen Behörden kommend, dass die westlichen Regierungen die ISIS als nützliches Mittel sehen um einen Regimewechsel in Syrien einzuleiten.“, schreibt Gilles Munier.

Fakten, Videos und das jüngste Geständnis des in die Angelegenheit verwickelten Verantwortlichen Robert Ford, der ehemalige syrische Botschafter, beweisen außerdem, dass die CIA und das Außenministerium die Terrormiliz ISIS schon seit 2012/2013 auf dem Kriegsfeld materiell unterstützen.

Und schon wieder sind wir auf die Medien hereingefallen. Wie lange werden wir ihnen noch auf den Leim gehen?

Seit einigen Jahren ist eine einseitige Berichterstattung zu vermerken, vor allem was die „Mainstreammedien“, also die großen Fernsehsender und nationalen Tages- oder Wochenzeitungen angeht. Das betrifft ins besonders die Sichtweise der nationalen Tagesgeschehen. Diese „Deutungsübereinstimmung“ der Nachrichten verursacht, dass wir nicht mehr selbst nachdenken und dass die zukünftige intellektuelle Führungselite für keine andere Sichtweise mehr offen sein wird. Eine einseitige Berichterstattung führt nämlich zu einer einseitigen Denkweise, ja sogar zu einem Mangel an Neugierde was andere Deutungen betrifft und zu einem Fehlen von konstruktiven Diskussionen.

Außerdem darf man den finanziellen Aspekt der sogenannten „Massenmedien“ nicht vergessen. So erläutert der ehemalige Chef von TF1 (einem französischen Fernsehsender), der neben anderen Geschäftsführern im Buch „Les dirigeants français et le changement“ [Französische Chefs und Veränderung, Anm. PIG] interviewt wurde: „Es gibt viele Möglichkeiten über das Fernsehen zu sprechen. Aber wenn wir vom „Business“ sprechen, seien wir mal realistisch: Im Grunde besteht die Arbeit von TF1 darin, Coca-Cola zu helfen seine Produkte zu vermarkten. […] Nun muss aber das Gehirn des Zuschauers verfügbar sein um diese Werbebotschaft aufnehmen zu können. Unsere Sendungen verfolgen das Ziel es dafür verfügbar zu machen. Wir unterhalten es und lassen es zur Ruhe kommen, damit es dann bereit zur Aufnahme der nächsten Werbebotschaft ist. Was wir Coca-Cola verkaufen, ist menschliche Gehirnaufnahmezeit.

Abgesehen von der von Le Lay genannten Anbringung einer Werbebotschaft kann diese Zeit, in der das Gehirn verfügbar ist, auch genutzt werden um politische Handlungen zu rechtfertigen, die Öffentlichkeit auf Veränderungen vorzubereiten oder die Aufmerksamkeit des Bürgers von einem aktuellen Geschehen abzulenken. Das alles führt zur Vermittlung eines unvollständigen Bildes, ja sogar zu völliger Desinformation. So kann man eine Person wie Putin diabolisieren und ebenso jemand wie Dominique Strauss-Kahn menschlich darstellen. Man kann die begangenen Kriegsverbrechen eines amerikanischen Präsidenten vergessen lassen, aber die Masse von der Legitimität der Ermordung eines libyschen Staatschefs überzeugen. Das ist alles schon vorgekommen, es passiert in diesem Moment und wird auch in Zukunft passieren. Vor einigen Jahren nannte man das „Propaganda“, wenn es von einem als „faschistisch“ bezeichneten Regime ausging. Heute nennt man es „Medien“, wenn es um ein als demokratisch bezeichnetes System geht.

Der einzige Ausweg besteht darin, genutzte Informationsquellen breiter zu streuen, sie untereinander zu vergleichen, zu analysieren und die auszuwählen, die der Realität am nächsten kommt. Die Schwierigkeit besteht darin, sich aus den gewohnten Denkmustern zu befreien, in die man eingeschlossen ist. Eine wirklich schwierige Aufgabe, weil sie eine Grundsatzentscheidung erfordert: Die Entscheidung, permanent alles zu hinterfragen.

Nachrichten sind bei genauerem Hinsehen nicht nur eine Waffe. Sie sind viel mehr. Sie sind Macht.

Boukhari Meraghni.


Übersetzt aus dem Französischem von Julia Peters und Rüdiger Morbach. Die Originalfassung ist hier zu finden: Boukhari Meraghni – L’information, cette arme ultime. Dieser Artikel spiegelt die Meinung des Autors wieder. Zu diesem Artikel, insbesondere den darin verwendeten Quellen, hat Rüdiger Morbach eine Antwort verfasst, die hier zu finden ist: Die Macht der Quelle – Eine Antwort auf den Artikel von Boukhari Meraghni.