Mehr Wettbewerb im Schienenverkehr – Locomore

dsc_2262

Zu teuer, zu voll, zu unpünktlich. Die Deutschen haben keine gute Meinung von ihrer Bahn. Einer der Gründe, der immer genannt wird: Es gibt zu wenig Wettbewerb auf der Schiene. Am schlimmsten ist es im Fernverkehr. Hier ist die Deutsche Bahn unangefochtener Monopolist, sie kommt auf über 99 Prozent Marktanteil. Im Nahverkehr bessert sich die Lage, hier führen zahlreiche kleine Bahnunternehmen mittlerweile fast 30 Prozent aller Zugfahrten deutschlandweit durch.

Gewinn aus ihrer Herrschaftsstellung schlägt die Bahn trotzdem keinen. Zumindest nicht dieses Jahr, in dem sie zum ersten Mal seit 12 Jahren rote Zahlen schrieb. Das hat natürlich viele Gründe, die Deutsche Bahn ist ein Weltkonzern, der im Begriff ist sich umzustrukturieren. Betrachtet man nur den Fernverkehr in Deutschland, ist das Bild aber nicht weniger finster. Im Ausland ist die Bahn dagegen sehr erfolgreich, auch wenn sie sich dort teilweise in harter Konkurrenz befindet. Komisch.

Nun könnte mal wieder etwas frischer Wind auf die Schiene kommen. Seit zwei Tagen steht ein neuer Wettbewerber auf der Schiene. Locomore heißt das Unternehmen, gegründet von ehemaligen Mitarbeitern des Hamburg-Köln-Express (HKX) und anschubfinanziert über die Crowd Funding-Plattform startnext. Mit zunächst einer Strecke (Stuttgart-Frankfurt-Hannover-Berlin) und einem Zug pro Tag (ab Stuttgart um 06:21 Uhr, ab Berlin um 14:28 Uhr, Fahrzeit jeweils ca. 7 Stunden) will das Unternehmen der Deutschen Bahn auf einer ihrer Stammstrecken Fahrgäste abjagen.

Mit gerade zwei Minuten Verspätung fährt Locomore 1818 auf dem Fuldaer Hauptbahnhof ein. Eine nagelneue Lokomotive zieht wenige alte Interregio-Wagen hinter sich her. Die altmodischen Klapptüren schwingen mit einem Schlag hinter dem Schaffner zu und der Zug nimmt Fahrt auf. Trotz eines frischen Anstrichs und neuer Sitzbezüge kann das Rollmaterial sein Alter nicht verleugnen. Alles ist ein wenig klapprig, das Abteilfenster schließt nicht völlig dicht. Neben Einzelsesseln im Großraum sind in den Abteilen noch alte, bequeme Klappsitze installiert, die sich mit etwas Gewalt fast in eine ebene Liegeposition bringen lassen. Mein Mitreisender fühlt sich an den Hogwarts-Express erinnert – Bahnfreunde werden ihre Freude haben. Zu solchen scheint auch das hochmotivierte Zugpersonal zu gehören. Der Schaffner verkauft erst eine Runde Getränke (Fairtrade-Kaffee 1,80 €), kontrolliert dann die Tickets, um anschließend wieder Getränke zu verkaufen. Als Idee wohl aus Zeiten des Crowdfundings setzt Locomore auf Wunsch Fahrgäste mit gemeinsamen Interessen zusammen, etwa Literatur oder Backpacking. Überall gibt es kostenloses WLAN, das stabil läuft. Ein Zug von Junggebliebenen für junge Leute, so scheint es.

dsc_2283

Dementsprechend sind auch die Fahrpreise gestaltet. Sie sind im Vergleich zu den Preisen der Deutschen Bahn lächerlich gering. Für die Strecke Fulda-Berlin will das Start-Up gerade einmal 27 € im Basistarif, im Sparpreis nur 15 €. Platzhirsch Bahn verlangt einen stattlichen Normalpreis von 104 € im ICE, zum Buchungszeitpunkt des Locomore-Tickets war auch ein Sparpreis für 73,90 € verfügbar. Dafür brauchen die Locomore-Züge 20 bis 25 Minuten länger als der ICE. ICs verkehren auf der Strecke nicht. Während bei der Deutschen Bahn eine Sitzplatzreservierung 4,50 € Aufpreis kostet, ist diese bei Locomore schon im Fahrpreis enthalten.

Auch Locomore bleibt natürlich nicht von den Schwierigkeiten verschont, die der Bahnbetrieb wohl so mit sich bringt. Verspätungen, geänderte Wagenreihenfolgen, volle Züge. Nur ist man als Fahrgast eher geneigt, hier geduldig zu sein, hat man doch auch nur wenig für das Ticket gezahlt. Bei der Deutschen Bahn (und meiner Rückfahrkarte zum Normalpreis) liegt das etwas anders. So wird Locomore bei seiner Zielgruppe schon allein wegen des niedrigen Preises erfolgreich sein. Ob sich auch das einkommensträchtige Klientel der Geschäftsreisenden für ältere Züge und längere Fahrzeuge erwärmen wird, ist dagegen eher fraglich. An mangelndem Optimismus der Unternehmer wird das Unternehmen auf jeden Fall nicht scheitern. So verspricht Locomore wagemutigen Menschen, die über Crowdfunding 20.000 Euro in das Unternehmen investieren, im Ausgleich eine 10-Jahres-Karte für die Linie. Bedenkt man, dass ein anderes Start-Up auf derselben Strecke bereits vor der Jungfernfahrt das Handtuch werfen musste, ist das ganz schön mutig.