Multikulti – Eine Lebenslüge?

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Berlin, MyFest 2011 / WM CSfoto

Die Bundeskanzlerin hat eine klare Meinung zum Konzept „Multikulti“. Diese hat sie jüngst auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe wiederholt kundgetan. Multikulti, so Merkel, sei eine Lebenslüge. Schon früher war von der CDU-Vorsitzenden zu hören gewesen, Multikulti sei gescheitert.

Dass die Vorsitzende der konservativen Partei Deutschland solche Aussagen trifft, ist wenig überraschend und dürfte wohl fast als schlichte Erfüllung der ihr übertragenen Aufgaben zu bewerten sein. Weniger selbstverständlich erscheint das Echo auf diese These. Offener Widerspruch war kaum zu vernehmen. Dabei ist die Validität dieser Aussage durchaus zu bezweifeln.

Zu klären wäre zunächst einmal, was unter Multikulti überhaupt zu verstehen ist. Merkel ist sicherlich zuzustimmen, sofern sie Parallelgesellschaften ablehnt, in denen grundlegende Werte unserer Gesellschaft missachtet und durch eigene Regeln ersetzt werden. Doch kann man das Konzept einer multikulturellen Gesellschaft tatsächlich auf dieses eine Problem, das unbestritten auftreten kann, reduzieren? Ich glaube das nicht. Das Konzept Multikulti dürfte wohl vielmehr einer kontinuierlichen verbalen Diskreditierung zum Opfer gefallen sein. Der Begriff wurde von konservativer Seite geschickt negativ konnotiert und stetig in Bezug zu den Problemen unserer modernen Einwanderungsgesellschaft gesetzt. Die eigentlich zunächst positiv eingesetzte Terminologie wurde in der Folge zum politischen Kampfbegriff, der sich je nach Verwender verstehen ließ. Eine ähnliche Entwicklung konnten wir jüngst bezüglich des Begriffs „Gutmensch“ beobachten. Zunächst positiv gemeint, wird er mittlerweile geradezu als Beleidigung eingesetzt und bezeichnet nach Ansicht der Beleidiger die „nützlichen Idioten“ (Alexander Gauland), die sich für Flüchtlinge und andere Hilfebedürftige einsetzen.

Es ist daher an der Zeit das Konzept zu reformulieren und dabei unsere Erkenntnisse aus den Fehlern vergangener Tage zu vermeiden. Eine multikulturelle Gesellschaft existiert bereits jetzt, sie ist eine nicht zu leugnende Realität und wird sich mit Blick auf unsere neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus den Krisengebieten dieser Welt weiter pluralisieren. Einfaches Leugnen oder Grundgesetzverteilaktionen helfen da nicht weiter. Es ist vielmehr an der Zeit, die Grundsätze unseres Zusammenlebens innerhalb des verfassungsrechtlichen Rahmens neu auszuhandeln.

Wir brauchen nicht über die Gleichberechtigung aller Geschlechter und Menschen aller sexueller Orientierungen zu diskutieren (höchstens darüber, weshalb sich die Konservativen diesbezüglich immer noch derart schwer tun). Auch unsere Grundrechte und die damit verbundenen Freiheiten stehen nicht zur Disposition. Aber natürlich lässt sich darüber sprechen, wie wir mit dem Zugang neuer Mitbürgerinnen und Mitbürger umgehen wollen, welche Anforderungen wir an Neuankömmlinge stellen und wo wir ihnen entgegenkommen könnten. Viel hat sich in den letzten Jahren zum Positiven verändert: es gibt Sprach- und Integrationskurse und in vielen Regionen funktioniert das Zusammenleben hervorragend. Insbesondere die jüngeren Generationen haben die meisten Berührungsängste überwunden. Dieser Weg muss unbedingt fortgesetzt werden. Was spricht dagegen, dass in Kindergärten die christliche Fastenzeit ebenso thematisiert wird wie der Ramadan oder jüdische Feiertage? Wissen ist das beste Mittel gegen Vorurteile.

Natürlich lässt sich nicht leugnen, dass in manchen Bereichen dringend nachgebessert werden muss. Nicht ohne Grund bereitet uns beispielsweise die wachsende Zahl an Salafisten Sorge. Doch interessanterweise ist die Affinität zu dieser pervertierten Spielart des Islam nicht von der Herkunft abhängig. Das Problem liegt eher in der Perspektivlosigkeit begründet, die manche Menschen in Deutschland offenbar verspüren. Hier muss der Staat investieren. Nicht in repressive Instrumente, sondern in Sozialprogramme und Bildung. Überhaupt: eine funktionierende multikulturelle Gesellschaft wird nur dann wachsen können, wenn der Staat jetzt, insbesondere bei der Integration von Geflüchteten, keine Kosten scheut. Das Projekt „Wir schaffen das“ wird teuer – das müssen wir uns ehrlich eingestehen. Doch jeder Cent ist hier gut investiert und jeder gesparte Cent wird uns später teuer zu stehen kommen.

Spracherwerb und Partizipation – dies sind die wichtigsten Zutaten gelungener Integration. Im Prinzip gilt das für alle Beteiligten. Warum sollen wir nicht auch die Kultur unserer neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger näher kennenlernen? Wir können viel voneinander lernen. Neues und Unbekanntes kann nicht nur Umstellung und Umgewöhnung bedeuten – im besten Fall reflektiert man vielmehr seinen eigenen Umgang mit bestimmten Fragen. Dies schadet bekanntlich nie.

In Großstädten wie Berlin, Hamburg und Köln machen die Einwohner bereits vor, wie es gehen kann. Auch das so viel beschriebene Neukölln ist längst nicht mehr das Ghetto Deutschlands (es war es nie). Bei allen Problemen die es natürlich weiterhin gibt – man versteht sich. Das wünsche ich mir auch für die Zukunft. Miteinander füreinander.