Ni Charlie, ni Kouachi – Eine Woche nach dem Attentat auf Charlie Hebdo

Eine Woche nach dem schrecklichen Attentat erscheint morgen die neue Ausgabe von Charlie Hebdo. Gleich vorne drauf, eine Mohammed-Karikatur. Sicher ist es wichtig, weiter zu machen, im Anblick des Terrors nicht klein beizugeben. Einen faden Beigeschmack hinterlässt es trotzdem.

Ein guter Freund von mir, Algerier und sehr gläubiger Moslem, meinte kürzlich:

Ich bin weder Charlie noch ein Kouachi [Nachname der Attentäter], ich mache mich nicht über Menschen und ihre Religion lustig und ich verteidige mich auch nicht mit Waffengewalt gegen verbale Gewalt, weil mein Prophet mir das verbietet.“

Er spricht etwas sehr Bedeutsames an, wie ich finde. So wichtig die uneingeschränkte Pressefreiheit ist, so sehr ich es wichtig (und unterhaltsam) finde, dass Satire alles darf, und so furchtbar und grausam ich das Attentat finde – frage ich mich, ob Mohammed-Karikaturen denn sein müssen.

Charlie Hebdo ist wie jede Form der Satire nur für einen ganz auserwählten Kreis an Menschen überhaupt zugänglich. Selbst in Deutschland versteht ein guter Teil der Bevölkerung aus Deutschland stammende Satire nicht. Wer das nicht glaubt, dem sei ein Blick in die Kommentarspalten unter einschlägigen Satire- und Kabarettbeiträgen im Internet empfohlen. Umso mehr außerhalb des Landes. Selbst wenn die Sprachbarriere nicht das Problem ist, wird Satire schon wenige hundert Kilometer weiter mangels gleichen Hintergrundes nicht mehr verstanden.

Wie muss das dann erst für Menschen sein, die in einem ganz anderen Kulturkreis aufgewachsen sind? Werden all die Anspielungen, die nicht verstanden werden, nicht einfach nur als stumpfe Beleidigung aufgefasst? Man kann es, so finde ich, im Fall von vielen Mohammed-Karikaturen niemandem verübeln. Der Grad von Grobheit, der bei den Karikaturen manchmal erreicht wurde, sucht schon seinesgleichen.

Und dann auch noch über die Religion. Sollten wir nicht auch daran denken, was für einen Stellenwert sie für viele Menschen einnimmt? Sollten wir nicht zumindest versuchen zu verstehen, dass für manche Menschen ihre Religion immens wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit ist? Dass ihnen diese Verspottung vielleicht wehtut? Dass vielleicht nicht alle Menschen eine solche Distanz zu ihrer Religion entwickelt haben, wie das bei uns üblich ist?

Gewalt gegen Karikaturisten ist abscheulich, das bedarf keiner langen Worte. Die Reaktionen auf das Attentat haben sehr viel Mut gemacht, die riesige Solidarisierungswelle ist beeindruckend und lässt erahnen, welche unglaubliche Energie in den Menschen steckt, wenn es an das Eingemachte geht.

Nur gibt es leider genauso Schlimmes zu beobachten, eine Woche nach Charlie Hebdo. Eine Woge islamfeindlicher Gewalt überzieht Frankreich. In Deutschland schlachten die Rechten das Attentat zu ihren Gunsten aus (eine schöne Karikatur dazu hier). Muslime in ganz Europa müssen sich auf einmal für etwas rechtfertigen, mit dem sie überhaupt nichts zu tun haben.

Sollten die Terroristen also doch etwas erreicht haben? Sollten sie einen Keil zwischen uns und unsere muslimischen Schwestern und Brüder getrieben haben? Dieser Zeichner sieht das so.

Die Lage ist auf jeden Fall ernst. Wenn wir zulassen, dass Rechte sie ausschlachten, setzen wir den Zusammenhalt unserer Gesellschaft aufs Spiel. Wir müssen zeigen, dass unsere Gesellschaft in ihrer Toleranz stärker ist, als alle Angriffe, der sie sich ausgesetzt sieht. Zu dieser Toleranz gehört, wie ich finde, der Respekt vor der Religion anderer. Und da sollten wir uns vielleicht überlegen, ob Karikaturen von Mohammed beim Analverkehr wirklich nötig sind. Es gibt ja auch noch genug andere dankbare Ziele für Satire.