Über europäische Kultursubventionen oder über unsere Subventionskultur

In einem Kommentar vom 19. Mai dieses Jahres stellt sich Claudius Seidl die Frage, ob die im deutschen Kulturbetrieb grassierenden Ängste vor einem Freihandelsabkommen mit Amerika berechtigt seien. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass wir im Gegenteil von den hohen amerikanischen Standards in der Kulturszene eher profitieren würden. Das kann man, muss man aber nicht so sehen.

Das neue europäische Kulturförderprogramm Creative Europe schließt das auslaufende MEDIA-Programm ein.

Das neue europäische Kulturförderprogramm Creative Europe schließt das auslaufende MEDIA-Programm ein.

Vielleicht offenbart gerade dieser letzte Satz, in dem von den amerikanischen Standards die Rede ist, die Schwachstelle der Argumentation. Man kann in vielen Branchen von hohen Standards reden. Gewiss sind die Standards in der US-Wissenschaft höher als in den meisten anderen Staaten der Welt. Dagegen sind die amerikanischen Standards im Bereich der Umwelt- und Gesundheitspolitik im Vergleich zu den europäischen wieder niedriger. Doch ist es richtig, von Standards zu sprechen, wenn es um Kunst und Kultur geht?

Beliebtheit zeugt nicht immer von Qualität – und andersherum

Zweifelsfrei sind Serien wie Breaking Bad oder Mad Men Serien von herausragender Qualität. Es sind Meisterstücke amerikanischer TV-Produktion, beliebt obendrein. Doch es wäre genauso falsch, zu behaupten, es gäbe überdurchschnittlich viele qualitativ herausragende amerikanische TV-Produktionen, wie zu sagen, es gäbe keine solchen in Europa.

Nicht immer stimmen Qualität und Beliebtheit überein. Von Kritikern gelobte Produktionen fallen oftmals beim Publikum durch. Genannt seien hier die mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Serien Dr. Psycho oder Der Tatortreiniger. Wäre letztere nicht vom öffentlich-rechtlichen NDR produziert worden, hätten wir dieses interessante Format wohl kaum zu Gesicht bekommen.

Die Fördergremien und die Aufsicht der Fernsehredakteure sind durchaus zu kritisieren, und die im Artikel zitierte Kritik von Regisseur Klaus Lemke ist wohl auch berechtigt.

Doch das öffentlich-rechtliche System und das System der Filmförderung sollte reformiert werden, und nicht abgeschafft. Wenn er auch unpopulär ist, viele Filmliebhaber würden den europäischen Autorenfilm durchaus missen. Und auch die amerikanischen Serien Mad Men oder Orphan Black wurden nicht von den in Konkurrenz stehenden privaten Sendern ausgestrahlt, sondern von den öffentlich-rechtlichen Spartensendern wie ZDFneo an das deutsche Publikum gebracht.

Kultur ist schon lange Handelsgut – aber nicht nur

Claudius Seidl zitiert in seinem Artikel Monika Grütters mit dem Spruch, Kultur sei „keine Handelsware“, womit er nicht einverstanden ist. Dem kann man auch nicht zustimmen, zu offensichtlich ist Kunst schon lange zu einem Objekt des Handels geworden. Doch mit einer kleinen Änderung wäre die Aussage durchaus angebracht: Kultur ist nicht nur Handelsware.

Betrachtet man Kultur als Handelsgut, so regiert auch auf diesem Markt das Geld. Dass die Werke Gerhard Richters im Museum of Modern Art hängen und die Wolkenkratzer von Ole Scheeren in den Riesenstädten Asiens stehen, gibt daher nur begrenzt Aussage über die Wertschätzung von Kunst. Der überwiegende Teil Gerhard Richters Ausstellungen fand beispielsweise in Europa statt, was ohne das Interesse des europäischen Publikums wohl nicht möglich wäre. Die documenta ist in Kassel zu sehen, und die Biennale in Venedig.

Es mag sein, dass die Zeiten von Händel in London (durchaus subventioniert) und Don Giovanni in Prag vorbei sind. Doch das ist nicht als Untergang der europäischen Kultur zu betrachten, sondern als globaler Trend der Bewertung zeitgenössischer Kunst. Man kann die heutigen Bewertungskriterien nicht mit denen von vor 200 Jahren vergleichen. Doch europäische Orchester und Opernhäuser zählen immerhin noch immer zu den besten der Welt, nicht zuletzt durch staatliche Hilfe.

Angst um kleine Häuser und um nicht konkurrenzfähige Projekte

Sicher werden die Berliner Philharmoniker nicht entlassen werden und der Louvre und die Alte Pinakothek nicht schließen müssen, schließlich sind sie als Aushängeschilder auch auf dem freien Kulturmarkt konkurrenzfähig. Die Sorgen beziehen sich eher auf weniger prestigeträchtige Einrichtungen.

Was ist mit all den kleineren Orchestern oder Theatern, die Förderungen beziehen? Dass sich genügend reiche Leute finden, die nach amerikanischem Usus als Mäzenen auftreten, um die staatliche Förderung gleichwertig zu ersetzen, darf bezweifelt werden.

Vielfalt als europäische Eigenschaft – wenn auch künstlich am Leben erhalten

Ohne Subventionen würde es bestimmt viele großartige Werke geben. Diese würden vielleicht dann auch den von Claudius Seidl genannten amerikanischen Standards entsprechen.

Genauso würde aber auch Vieles fehlen. Nur würden wir nicht wissen, was uns fehlt, da viele Werke entweder nicht realisiert oder den Weg zum Publikum nicht finden würden. Richten wir uns nach amerikanischen Standards, so beschneiden wir automatisch die – gezwungenermaßen – künstlich aufrecht erhaltene Breite unseres europäischen Kulturangebotes.

Doch gerade diese ist es, die den europäischen Kulturbetrieb von einem rein kommerziellen unterscheiden. Schade wär’s.