Über Umwege nach Deutschland (1/2): Über das Leben in Syrien und den Beginn Mahers abenteuerlicher Reise

Die Idee, eine reale Geschichte eines Flüchtlings aufzuschreiben, kam sofort auf, als die Idee der Themenwoche entstand. Die PEGIDA-Demonstrationen zeigten mir, wie leicht durch Uninformiertheit und fehlenden Kontakt zu Menschen, die in ihrer Heimat vielleicht Schreckliches durchmachen mussten, Ängste gegen dieselben geschürt werden können. Doch zu einem großen Teil wollte ich auch selbst das Schicksal eines Menschen erfahren, der letztendlich hier in Deutschland angelangt ist. Über drei Ecken erhielt ich einen Kontakt zu einem Flüchtling. Ich erhielt seine Nummer und erfuhr, dass er Maher heißt, aus Syrien kommt und jetzt in Chemnitz wohnt, und über seine Geschichte sprechen will. Ich rief an und wir machten einen Termin aus.

Ich komme am Chemnitzer Hauptbahnhof an und steuere den Bahnhofskiosk an, um mir sicherheitshalber neue Batterien für das Aufnahmegerät zu besorgen. Ich schnappe Gesprächsfetzen der Verkäuferinnen auf, die sich über „die Faulenzer“ beschweren, während ihre Renten gekürzt würden. Nichts Gutes ahnend steuere ich die Kasse an. Just in diesem Augenblick erzählt eine der beiden, dass die Asylbewerber jetzt streiken wollen. Der Begriff ist falsch gewählt, denn hier ist sicher von der Chemnitzer Demo, auf der Flüchtlinge für bessere Bedingungen demonstrieren wollten, die Rede. Anscheinend etwas Unvorstellbares für die Verkäuferinnen, denn beide brechen in ungläubiges Lachen aus. Ich stecke die Batterien ein und gehe in Richtung Ausgang, vorbei an einem Info-Monitor, auf dem Innenminister De Maizière zitiert wird, man müsse die Sorgen der mit PEGIDA Demonstrierenden ernst nehmen. Am Ausgang gelangen einige Worte einer telefonierenden Dame mit osteuropäischem Akzent zu mir, die von ihrem Sachbearbeiter erzählt. Entweder ich bin durch die Vorbereitung auf das Interview sensibilisiert, oder das Thema Asyl ist auch hier in Chemnitz sehr aktuell.

Ich steuere die genannte Adresse an und gelange zu einem Haus mit großflächigen Bemalungen. Man sieht dem Haus schon von außen an, dass es sich um ein alternatives Hausprojekt handelt. Ich läute die Hausklingel und warte gespannt. Mir öffnet ein freundlich aussehender Mann, geschätzt um die 30 und etwas kleiner als ich, und streckt mir die Hand entgegen. Als Erstes fragt er mich auf Englisch, ob er den Ofen anheizen solle. Er lädt mich in eine Wohnung ein, die bisher nur spartanisch eingerichtet ist. In einem der Zimmer steht eine große Holzkonstruktion, die einmal ein Bett werden soll. Im Wohnzimmer stehen ein Ecksofa und ein Tisch, auf dem eine große Musikanlage arabische Musik von Fairouz spielt.

Graffitti in Chemnitz

Ein Graffiti aus dem Chemnitzer Viertel, in dem Maher wohnt. Es ist eines seiner Lieblingsbilder, erklärt er mir später. Die farbige Hand steht für die Kunst, die die weiße Hand, den Staat, im Griff hält. Und der Staat quetscht wiederum die Kunst aus, und macht Geld daraus.

Auf dem Sofa sitzt Yasin*, den mir Maher als Freund aus Syrien vorstellt. Yasin wird sich später öfter in das Gespräch einklinken, denn auch er hat viel zu erzählen. Beide sprechen ein English, das besser ist, als ich erwartet hatte. Ich erfahre, dass Maher 27 ist, und vor wenigen Tagen erst Asyl für drei Jahre erhalten hat. Maher stellt mir die Tasse schwarzen Tees auf einen improvisierten Tisch aus Holzresten. Er fragt mich, ob ich genügend Zeit habe, denn seine Geschichte sei lang. Ich stelle das Aufnahmegerät auf den Tisch und frage zuerst nach seiner Kindheit.

*Name geändert

PiG: Lass uns weit zurückgehen. Wie bist du aufgewachsen in Damaskus? Was war das für eine Kindheit?

Maher: Ich bin in einer Familie mit traditionellen Werten aufgewachsen. Die meisten Familien in Syrien mit traditionellem Wertebild sind auch religiös. Ich glaube, das ist auch in Deutschland so. Ich beendete die Schule nach acht Jahren Unterricht, und fing an als Schneider zu arbeiten (Maher benutzt hier das deutsche Wort, Anm. PiG). In dieser Zeit habe ich in diesem Beruf meine ganze Erfahrung gesammelt.

Ich fing an, Probleme mit meinen Eltern zu bekommen. Yasin und ich trafen uns, und wir begannen nachzudenken über Religion und unsere Weltanschauung. Wir wandten uns gegen die traditionelle Gesellschaft und wurden zu Atheisten. Wir fingen an Bücher zu lesen und entwickelten unsere eigenen Ansichten.

Dass wir uns gegen die traditionelle Gesellschaft wandten, belastete mich, und auch für meine Eltern war es nicht einfach. Es fühlte sich an, als wenn du nicht öffentlich sagen dürftest, was du denkst. Du fühlst dich unwohl in deinem Land, wenn du denkst, du lebst in einer anderen Kultur als der Rest der Gesellschaft. Es ist, als seist du anders, und das macht dich einsam. Doch es gibt dir auch einen Grund zu kämpfen, um die Welt zu ändern.

PiG: Hast du Geschwister?

Maher: Zwei Brüder und vier Schwestern.

PiG: Hast du mit deiner Familie gebrochen, als diese persönlichen Probleme, aber auch die Probleme im Land begannen?

Maher: Es gab viele Diskussionen, sehr oft über die Gewalt, die uns alle umgab. Es war manchmal ziemlich hart, aber in solchen Zeiten kann man nicht mit der Familie brechen. Ich habe es versucht, aber es bleibt meine Familie. Als wir zusammen waren, versuchten wir sehr sorgfältig, nicht über religiöse Themen zu sprechen. Ich behielt meine Ansichten für mich, und vermied Diskussionen darüber mit meiner Familie. Aber das Problem ist nicht die Diskussion an sich, sondern die Reaktion, die du erhältst, zum Beispiel von deiner Mutter. Aber ich bin mit ihnen aufgewachsen, und konnte diese Beziehung nicht einfach „canceln“. Das wäre nicht richtig gewesen.

PiG: Wie alt warst du, als die Revolution begann? Was änderte sich für dich persönlich?

Maher: Eine Menge. Vor der Revolution war ich in einer schlimmen Lage. Ich arbeitete als Schneider, doch die Wirtschaft war am Boden, worunter auch meine Branche sehr zu leiden hatte. Der syrische Markt wurde durch die Chinesen beliefert, und wir konnten unsere Waren nicht unter die Bevölkerung bringen. So kamen die syrischen Schneider immer mehr in Bedrängnis und verloren am Ende ihre Jobs. Einer davon war ich.

Danach verkaufte ich Handarbeitswaren auf den Straßen. Auch das war schwierig, denn ich hatte dafür keine Erlaubnis. Schließlich wurde ich erwischt. Von da an, das war 2011, arbeitete ich als Touristenführer, und von Januar bis Mitte Februar zwischendurch nochmal als Schneider.

Am 28. Februar wurde ein älterer Herr auf einem Marktplatz von einem Polizisten geschlagen. Uns hat dieses Verhalten geschockt, solch ein Mangel an Respekt gegenüber älteren Menschen. Die Menschen wurden zunehmend nervös. Die wirtschaftliche Lage war katastrophal, ebenso das Justizsystem. Mörder, die hätten verurteilt und exekutiert werden sollen, konnten aus der Justiz freigekauft werden.

An diesem Tag kam es zu einigen Protesten. Die Menschen wollten sich nicht mehr einschüchtern lassen. Die syrische Gesellschaft wollte die Zustände nicht mehr ertragen. Die Regierung versuchte zu beruhigen, und verleumdete die Proteste als Anti-Regierungs-Proteste. Das brachte wiederum die Menschen auf, denn um uns herum war ja der arabische Frühling! Erst Tunesien, dann Libyen, Ägypten – das bewegte die Menschen sehr.

An einem Dienstag war ich mit Yasin und einem anderen Freund auf einem Markt unterwegs. Dieser Freund erzählte uns, dass in Daraa (Stadt im Süden Syriens, nahe der Grenze zu Jordanien, Anm. PiG) ein paar Kinder in der Schule Schriftzüge, wie etwa „Bashar, du bist dran“, verfassten (gemeint ist Bashar Al-Assad, Anm. PiG). Das war sehr aufregend. Die Geheimpolizei schnappte sich die Kinder wegen dieser Schriftzüge, und riss ihnen die Nägel aus.

Es geht um einen Vorfall vom 6. März 2012, als ein paar Schüler aus Spaß regierungskritische Sprüche an eine Hauswand sprühten. Sie wurden verhaftet und gefoltert. Es machte auch das Gerücht die Runde, den Kinder seien die Zehennägel herausgerissen worden. Die darauf folgenden Proteste brachten die syrische Revolution ins Rollen.

Die Angehörigen wurden richtig wütend, und marschierten vor den Sitz von Atef Najib, dem Chef der Geheimpolizei in Daraa. Der weigerte sich, die Kinder freizulassen. Stattdessen sagte er, die Familien sollten ihm Frauen bringen. Er würde sie bumsen und ihnen neue Kinder machen.

Yasin: Genau so redet Atef Najib mit den Leuten!

Maher: Die Menschen waren außer sich wegen dieser Ehrverletzung. Wenn du so etwas öffentlich sagst, wirst du ermordet. Das ist der Gipfel!

Yasin: Als würde man den Leuten sagen, sie wären nichts, überhaupt keine Menschen. Eine Regierung, die der Bevölkerung sagt dass sie wertlos ist.

PiG: Wie alt waren die Kinder?

Maher: Zwischen elf und fünfzehn.

Yasin: Atef Najib behielt seinen Posten. Es wurde nichts unternommen, weil er der Cousin von Bashar Al-Assad ist.

Maher: Und dennoch war es der Grund für den Beginn der Revolution.

Yasin: Es waren die Kinder, die diese Revolution starteten. Die zukünftige Generation.

Das grässliche Zitat von Atef Najib wird an vielen Stellen aufgeführt, auch die Verwandtschaftsbeziehung stimmt. Ein zu der Syrischen Befreiungsarmee übergelaufener Kämpfer schilderte, Atef Najib habe Gefallen daran gefunden, das Stöhnen der Kinder zu hören.

PiG: Daraufhin wuchsen die Proteste an?

Maher: Ja, sie wurden größer und größer. Sie starteten in Daraa und griffen dann auf Damaskus, Homs, Baniyas, Latakia und Deirez-Zur über, und erreichten schließlich Aleppo.

Yasin: Die Gewalt seitens der Regierung wurde von Tag zu Tag größer. Erst steckte sie Menschen ins Gefängnis. Dann fing sie an, auf sie zu schießen. Dann kamen die Bomben, und dann die Luftwaffe. Das veränderte das syrische Volk. Zivilisten wurden Kämpfer, und normale Menschen wurden zu Islamisten. Wenn du nichts hast, was dir helfen könnte, wendest du dich an Gott.

Die internationale Gemeinschaft stand nur still und beobachte, was in Syrien passierte. Sie schauten dem Massaker nur zu, ohne irgendetwas zu sagen. Es herrscht Bürgerkrieg, Bashar Al-Assad ist wahnsinnig, aber niemanden kümmert es. Wir haben Massaker mit chemischen Waffen und ISIS, und die Weltgemeinschaft schaut zu und hält still. Es werden jeden Tag Frauen und Kinder getötet. So denken alle Syrer.

PiG: Was für eine Rolle hattest du bei den Protesten inne, Maher?

Maher: Als die Menschen auf die Straße gingen, um zu protestieren, wussten sie, dass sie sterben würden. Wenn du gehst, stirbst du – eine andere Möglichkeit gab es nicht. Ich war nur zwei Mal protestieren. Ich war ein Feigling, und ich fühle mich noch immer wie einer, seitdem ich mein Land verlassen habe.

PiG: Wann hast du entschieden, Syrien zu verlassen?

Maher: Ich war arbeiten, als unsere Häuser in meinem Viertel in Al Zabadani (nordwestlich von Damaskus, an der Grenze zum Libanon, Anm. PiG) komplett zerstört wurden. Es waren viele auf der Flucht. Die FSA (Freie Syrische Armee, Anm. PiG) besetzte einige Häuser reicher Leute. Ich arbeitete in einem Projekt, bei dem wir Flüchtenden damit halfen, dass wir ihnen Arbeit gaben, Handarbeit. Ich war der Ansprechpartner für diese Menschen. Sie fertigten Dinge an und verkauften sie in andere Länder, und den Gewinn bekamen sie selbst. Wir wollten nicht, dass sie vom Mitleid der Menschen abhängig sind. Diese Menschen sollten wieder Selbstvertrauen gewinnen. Das ist psychologisch gesehen eine sehr gute Idee.

Gegend um Al Zabadani. Foto von Maher.

Gegend um Al Zabadani. Foto von Maher.

Ich arbeitete für dieses Projekt, wurde gleichzeitig aber immer frustrierter. Zu dieser Zeit, im Jahr 2012, lernte ich die Anarchiebewegung kennen. Ich fing an zu lesen, und fand deren Ideen wirklich interessant. Ich trat den Gruppen bei und nahm an Diskussionen mit atheistischen Gruppen teil.

Zu der Zeit arbeitete ich im Bereich der sozialen Medien. Das war eines der wichtigsten Mittel für den Austausch von Ideen in Syrien. Da lernte ich auch eine Frau kennen. Sie fügte mich auf Facebook zu ihren Freunden hinzu, und fragte mich über meine politischen Ansichten aus. Sie war auch Anarchistin, und stammte aus Deutschland. Hier fängt die Geschichte eigentlich erst an.

Das war im Frühjahr 2013. Sie bot mir an, mir zu helfen. Ich kann mich noch ganz genau an meine Antwort erinnern. Ich sagte ihr, dass ich gerade die wertvollste Erfahrung meines Lebens durchmachte, und zwar in dieser Revolution zu leben. Und ich war überzeugt davon, dass es eine Revolution war, ich glaubte, dass Syrien sich ändern würde.

Als ich am 21. August 2013 morgens aufwachte, fingen die chemischen Angriffe an. Mehr als 1000 Frauen und Kinder wurden durch chemische Waffen getötet.

Die Giftgasangriffe, die als Giftgasangriffe von Ghuta in die Geschichte eingegangen sind, sind eine Reihe von Giftgasangriffen, die im Verlauf des syrischen Bürgerkriegs in der Region Ghuta östlich von Damaskus stattgefunden haben. Raketen mit Giftgas schlugen auch in den östlichen Vororten von der Hauptstadt ein, in Samalka und Arbeen. Dieser erste Giftgasangriff traf auch den Heimatort von Yasin und Maher Ein Tarma, einen Vorort von Damaskus.

Yasin: Das Gebiet in Ein Tarma, in dem wir gewohnt hatten, wurde zuerst getroffen.

Maher: Ich war geschockt.

Yasin: Da schämt man sich für die Menschheit.

Der Tod war überall, du konntest ihn riechen. Du hast mit ihm gelebt, und hast dich nicht vor ihm gefürchtet. Du hast die ganze Zeit so viele Menschen sterben sehen, dass du dich nicht mehr um den Tod gesorgt hast. Das hat Syrien verändert.

Maher sucht auf seinem Handy nach einem Foto und streckt es mir hin. Darauf ist eine Straße zu sehen, umgeben von Staub und Asche.

Alltag in Syrien. Foto von Maher.

Alltag in Syrien. Foto von Maher.

Maher: Dieses Gebiet hier in Al Zabadani wurde jeden Tag gebombt. Es war von der FSA besetzt, so wie meins auch. Doch dort gab es einen Waffenstillstand für einige Zeit.

Ich hörte jeden Tag Bomben und Schüsse. Mein Haus wurde von vier Geschossen getroffen. Ich hatte mich daran gewöhnt, es war normal für mich.

Eines Tages, als ich das Haus verließ, explodierte eine Bombe in 30 Metern Entfernung von mir. Wenn ich nur zwei Schritte weitergegangen wäre, wäre ich wohl tot gewesen.

Yasin: Wie im Zweiten Weltkrieg in Deutschland.

PiG: Hast du jemals darüber nachgedacht, dich der FSA anzuschließen?

Maher: Nein. Es ist nicht so, dass ich nicht bereit gewesen wäre zu sterben. Manchmal unterstützte ich die Aktionen der bewaffneten Gruppen, und manchmal nicht. Das Töten habe ich nicht unterstützt. Das Töten, weil man dich oder deine Familie zu töten versucht. Aber natürlich muss man sich auch verteidigen. Darüber nachzudenken verwirrte mich sehr.

Yasin: Das Problem ist doch, dass du ein Teil des Bürgerkriegs wirst, wenn du an den Kämpfen teilnimmst.

Maher: Ich hatte gehofft, dass die Frauen das alles stoppen würden. Es klingt sicher lustig, doch ich war überzeugt davon, dass die Lösung hieß „make love, not war“. (Maher fängt an zu lachen)

PiG: Du meintest, dass die jüngere Generation den Protest in Gang setzte. Was war mit der älteren Bevölkerung?

Maher: Hier liegt das Problem. Es war diese ältere Generation, die die Revolution zerstörte. Als die jüngere Generation die Proteste startete, waren sie noch friedlich. Erst als unsere Väter an der Revolution teilnahmen, wurde sie so, wie sie heute ist. Und dabei haben sie 40 Jahre lang nichts gesagt, weder gegen Bashar, noch gegen Hafes (Al-Assad, der Vater von Bashar, Anm. PiG). Sie sagten und taten nichts.

Nach den Giftgasattacken war ich wie versteinert. Das war der Zeitpunkt, als ich die Deutsche nach Hilfe fragte. Ich fragte sie, ob sie sich sicher sei, und sie wiederum mich, ob ich wirklich nach Deutschland kommen wolle. Ich sagte ja.

Ihre Idee war es, dass ich ein Flugzeug aus dem Libanon nach Deutschland nehmen und dann vor Ort ein Visum beantragen würde. Also überwies ich das Geld, das sie mir gab, an einen Bekannten im Libanon. Als ich im Libanon ankam, war alles ganz anders. Es gab nicht „dieses eine“ Flugzeug nach Deutschland, und du musstest im Voraus das Visum beantragen.

PiG: Wie bist du in den Libanon gekommen?

Maher: Auf legalem Wege. Meine Arbeit war nicht wirklich auffällig, also wurde sie von der Regierung auch nicht als politisch eingestuft.

Nur: Mein libanesischer Freund hatte das ganze Geld für sich selbst ausgegeben! (Maher lacht) Ich steckte im Libanon fest und traute mich nicht, der Deutschen vom verlorenen Geld zu beichten. Stattdessen lebte ich dort eine Weile und fand einen Job in meinem Beruf als Schneider. Erst nach zwei Monaten erzählte ich ihr, was passiert war.

Sie bot mir wieder Geld an, doch ich lehnte ab und sagte, dass ich arbeiten würde und sie zu gegebener Zeit fragen würde. Zu dieser Zeit kamen wir uns näher, unsere Gespräche wurden persönlicher. Sie erzählte mir, dass ihre Mutter aus Deutschland käme, und ihr Vater Syrer wäre, aus Latakia. Sie sagte mir dass einer ihrer Freunde seine Doktorarbeit im März 2014 abschließen würde und mir dann eine Einladung aus Deutschland verschaffen könnte, die etwa 3000 € kosten würde (die Einladung, eine sogenannte „Verpflichtungserklärung“, ist selbst kostenfrei, Kosten können aber für die finanzielle Absicherung des Eingeladenen anfallen, Anm. PiG).

PiG: War das ihr Grund, dir zu helfen?

Maher: Auch, natürlich. Wenn du zur Hälfte syrisch bist, ist eine Hälfte von dir von der Revolution betroffen. Sie wollte Teil davon sein, wollte alles erfahren. Wir kamen uns dabei näher und entwickelten Gefühle füreinander, was die Sache zusätzlich verkomplizierte. Wir überlegten dann, mir über die deutsche Botschaft in der Türkei ein Visum zu verschaffen, weil die Lage im Libanon so furchtbar war. Im März 2014 flog ich in die Türkei, ich reiste wieder legal aus. Sie hatte meinen Flug bezahlt. Und sie war nicht mehr meine einzige Unterstützerin, eine ihrer Freundinnen half ihr – mit ihr bin ich heute auch befreundet. Sie halfen auch Yasin. Als ich in Istanbul ankam, ging ich direkt zur Botschaft und versuchte, mit der Einladung ein Visum zu bekommen. Nach zwei Monaten wurde mein Antrag abgelehnt. Ich war am Boden zerstört, und auch sie litt darunter.

Wir erwogen verschiedene Möglichkeiten für mich, nach Deutschland zu gelangen. Eine Option war, dass sie in die Türkei käme und wir heirateten. Wir wussten beide, dass das furchtbar sein würde, weil wir so für eineinhalb Jahre zusammen in der Türkei leben müssten, um den Behörden zu beweisen, dass es nicht nur eine Scheinehe ist.

Ich litt so sehr unter der Situation, dass ich ihr sagte, dass wir die ganze Sache abblasen sollten. Aber sie gab nicht auf und machte mir Mut. Ich erwog dann, illegal nach Griechenland zu gehen. Ich war mit einer Journalistin dort in Kontakt und fragte, wie die Situation vor Ort wäre.

PiG: Woher kanntest du diese Journalistin?

Maher: Über eine Anarchisten-Gruppe. Unter den Anarchisten in Syrien waren unter anderem Leute aus England und aus Deutschland. Eine Freundin von mir aus diesen Gruppen, die jetzt in Schottland lebt, stellte den Kontakt her.

Die Journalisten sagte mir, dass die Grenzen dort von Deutschen (sic! Diese Angabe ist allerdings nicht sehr plausibel, Anm. PiG) kontrolliert wären und dass es dort viele Nazis gäbe, dass dort Menschen erschossen würden. Ich glaubte ihr nicht, und das machte sie sehr wütend. Sie sagte mir, dass ich es lassen sollte, und dass eine Ehe die bessere Option wäre. Dies waren also unsere beiden Möglichkeiten, entweder Griechenland oder Ehe.

PiG: Wie erging es dir in Istanbul?

Maher: Lisa (zuvor einfach „die Deutsche“ genannt, Name geändert, Anm. PiG) unterstützte mich. Ich versuchte, einen Job zu finden, aber es war fast unmöglich, da dort niemand englisch oder arabisch sprach. Und ich wollte auch nicht in der Türkei so hängenbleiben, wie mir das im Libanon passiert ist. Ich hatte ja einen Grund nach Deutschland zu kommen, ein Mädchen dort. Und sie wollte nicht, dass ich aufgab. Und dann kam ein Engel…

PiG: Ein Engel, der dir bei der Entscheidung half?

Maher: Nein. Es war ein Freund, der aus Jordanien in die Türkei kam, um dort einen Job zu finden. Wir kannten uns lange, und hatten auch einige gemeinsame Erlebnisse während der Revolution. Wir fingen an, über die Situation in Syrien zu reden, was uns zum Weinen brachte. Er war auf seiner Jobsuche zudem nicht erfolgreich gewesen, daher war es sein letzter Abend in der Türkei vor seiner Rückreise. Wir betranken uns. Es war, als wenn wir uns das letzte Mal sehen würden.

Ich erzählte ihm alles, was mich so lange bedrückte. Er sah meine Probleme als reines Geldproblem, und wollte mir bei meiner Entscheidung helfen. Also meinte er zu mir, als wir betrunken waren… Ah, warte… (Maher lacht und holt einen Korken aus seinem Rucksack heraus und stellt ihn auf den Tisch) Das ist meine Erinnerung an die Flasche!

Ein Korken und ein Feuerzeug, Mahers Erinnerung an eine der schwierigsten Entscheidungen seiner Reise.

Ein Korken und ein Feuerzeug, Mahers Erinnerung an eine der schwierigsten Entscheidungen seiner Reise.

Er sagte, ich sei ein Feigling. Und dass ich es schaffen würde, die Grenze zu Griechenland zu überqueren. Er meinte: „Ich werde auf dich setzen. Wie viel Geld brauchst du, um ein Foto von diesen Dingen in Griechenland zu machen?“ (Maher zeigt auf den Korken und das silberne Feuerzeug auf dem Tisch)

Ich fing an, ihm zu erklären, dass es nicht am Geld läge, und dass ich das Geld nicht bräuchte. Doch er fing einfach an: „Hundert.“ Ich lehnte wieder ab. „Zweihundert.“ Ich wollte protestieren, doch dann kam sofort „Dreihundert.“ Und ich sagte okay. Als wir uns am Flughafen verabschiedeten, gab er mir sogar vierhundert Dollar.

Ich hatte also meine Entscheidung gefällt. Als ich mal wieder mit Lisa sprach, teilte ich ihr meine Entscheidung mit. In dieser Zeit stritten wir uns ständig, jeden Tag. Auch an diesem Tag stritten wir uns sehr, sie blockte mich sogar auf Facebook. Da traf ich die emotionale Entscheidung, direkt in ein nahe der Grenze zu Griechenland gelegenes Dorf zu fahren.

Ich startete von Istanbul gegen halb sechs und erreichte mein Zwischenziel gegen elf Uhr abends. Die Busstation hatte schon zu, also musste ich bis zum nächsten Morgen warten, um zum Grenzort zu kommen. Ich hatte mir einige Orte über das Navigationssystem auf meinem Handy herausgesucht. Ich hoffe, darauf seid ihr nie angewiesen… Von Leuten, die das Gleiche schon durchgemacht hatten, wurde mir gesagt, dass die Grenzpolizisten, sollten sie einen Pass finden, ihn zerstören, und den Flüchtling zurück in die Türkei schicken würden. Daher habe ich nur Kopien mitgenommen.

Ich kam also schließlich zu einem Fluss, der die Grenze zwischen der Türkei und Griechenland bildet. Ich zog mich ganz aus, und hatte nur einen Beutel mit meinem ganzen Kram. (Maher zeigt auf einen mitgenommenen Rucksack auf dem Sofa) Der hier hat mich die ganze Zeit begleitet. Den Rucksack packte ich in eine Plastiktüte.

Der Fluss war gefühlt hundert Meter breit, und sah auf den ersten Blick sehr ruhig aus, wie ein See. Doch als ich in die Mitte des Flusses kam, packte mich die Strömung, und der Beutel wickelte sich um meinen Arm.

Ich war so müde, denn ich hatte ja nicht geschlafen. Ich war auch kein guter Schwimmer. In diesem Moment war ich kurz vor dem Tod, hatte schon sehr viel Wasser geschluckt. Doch als ich zum griechischen Ufer schaute, dachte ich an die Menschen, die auf mich warteten, und das gab mir die Kraft, weiter zu schwimmen.

Der Fluss nahm mich mehr als 700 Meter mit. Denn immer, wenn ich versuchte, aus der Mitte des Flusses zu schwimmen, zog mich die Strömung wieder nach innen. Stück für Stück kam ich voran. Als ich dann einen Ast ergriff, war es, als wenn ich meine Seele zu fassen bekommen hätte. Ich zog mich aus dem Wasser, schaltete mein Handy an und hatte Empfang. Ich schrieb ihr: „Ich bin jetzt in Griechenland.“

Ich hatte mir jedoch ein Gebiet mit äußerst widrigen Bedingungen ausgesucht. Selbst die Polizei hätte mich nur vom Wasser aus erreichen können. Man nennt das Gebiet „middle of nowhere“. Ich ging also los in Richtung des nächsten Ortes. Laut meinem Navigationssystem sollte das Gebiet fester Grund sein, doch in Wahrheit war es Sumpf. Die ersten zehn Meter stand das Wasser so, nach zehn Meter so, und so weiter (Maher zeigt mit der Hand steigende Pegelstände).

Ich bin recht weit gekommen, doch weiter ging es nicht. Ich konnte weder vor noch zurück, ich steckte fest. Ich beschloss, griechische Rettungskräfte zu rufen, und schrieb es Lisa. Sie gab mir die Nummer der Journalistin, die für mich den Notruf rufen wollte. Gleichzeitig warnte sie mich aber vor den Konsequenzen, dass es schwierig werden würde. Für mich war es okay, besser als den Fluss in der Gegenrichtung erneut zu überqueren. Ich sollte sagen, ich sei Journalist, denn sonst… Ich sollte es einfach sagen.

Gegen halb 9 kam das Boot. Sie fragten mich, wer ich sei und solche Sachen. Ich antwortete, ich sei Journalist und würde eine Recherche über Flüchtlinge machen, wie hart es für sie sei. Sie schauten mich an und meinten nur: „Jaja, du Lügner. Aber wir können nichts machen, denn du hast uns als Journalist angerufen.“ Sie wollten mich also bestrafen, doch weil ich vielleicht doch ein Journalist sein könnte, durften sie nichts machen.

Ich dachte ja, sie würden mich zurück in die Türkei schaffen. Doch sie schafften mich dorthin, wo diejenigen hinkommen, die die Grenze illegal überqueren. Dort schlief ich eine Nacht, und ab dem nächsten Tag steckten sie mich für die nächsten acht Tage ins Gefängnis. Ich sagte ihnen immer wieder die gleichen, sehr allgemeinen Dinge: Ich sei Journalist, ich würde meinen Artikel schreiben und so weiter…

Gegen Ende der Befragung sagten sie zu mir: „Erzähl gut von uns! Sag deinen Journalistenfreunden, dass wir gut zu dir waren!“ Das zeigt mir, dass hier wirklich etwas mit den Flüchtlingen passiert, denn ich musste ja sagen, dass ich ein Journalist sei! Irgendwas passiert dort an der Grenze.

Ich verbrachte dort also acht Tage und erzählte Lisa, was passiert war, und dass ich weiter nach Athen reisen wollte. Sie organisierte mir dort eine Schlafgelegenheit über das CouchSurfing-Netzwerk.

PiG: Und es machte nichts, dass du keine Papiere bei dir hattest?

Maher: Ich hatte zwar keine Papiere, aber ich konnte mit den Kopien meine Identität nachweisen. Ich war also ein illegaler Flüchtling. Sie gaben mir ein Dokument, laut dem ich sechs Monate Zeit hatte, Asyl zu beantragen, ansonsten müsste ich nach diesen sechs Monaten Griechenland verlassen. Ich nahm dieses Dokument und fuhr nach Athen. Ich bekam die Kontaktdaten von dem Mann, wo ich bleiben konnte. Es war ein älterer, aber sehr netter Mann.

Als Lisa und ich uns wieder unterhielten, sagte sie zu mir, dass wir den nächsten Schritt wagen sollten. Und der nächste Schritt war sehr einfach. Die härteste Grenze hatte ich nämlich schon passiert, die zwischen der Türkei und Griechenland. Ich war jetzt in der EU, und diese Grenzen sollten leichter zu überwinden sein. Also antwortete ich ihr, dass ich bereit sei. Doch sie wollte nicht, dass ich es alleine mache. Sie wollte mit mir kommen. Ich sagte ihr zwar, dass das nicht nötig sei. Doch sie wollte nicht weiter solch einen Stress erleiden, wenn ich Grenzen überquerte. Das nahm sie wirklich mit. Also organisierte sie ihre Fahrt nach Griechenland, und ich wartete auf sie.

PiG: Sie kam nach Athen?

Maher: Genau.

Yasin: Ein toller Teil der Geschichte…

Wie es Maher auf seiner weiteren Reise und nach seiner Ankunft in Deutschland erging, erfahren Sie im zweiten Teil des Interviews.