Über Umwege nach Deutschland (2/2): Mahers Reise durch Europa und das Leben in Deutschland

Im ersten Teil des Interviews erzählt Maher von seinem Leben in Syrien, über die Anfänge der Revolution, und was ihn schließlich dazu bewegte, sein Heimatland zu verlassen. Er floh über den Libanon in die Türkei, wo er den Beschluss fasste, die Grenze nach Griechenland illegal zu überqueren. Nach einer lebensgefährlichen Flussüberquerung ist Maher schließlich nach Athen gekommen, wohin dann auch Lisa* kommen wollte. Lisa half Maher bei seiner Flucht aus Syrien, und war in der Zwischenzeit mehr als nur eine Freundin geworden. Yasin*, ein Freund von Maher und ebenfalls aus Syrien, sitzt während unseres Gesprächs neben uns, und schaltet sich hier und da in das Gespräch ein.

*Name geändert

Maher: Sie kam am Flughafen von Athen an. Es war das erste reale Treffen zwischen Lisa (Name geändert, Anm. PiG) und mir.

PiG: War sie in Wirklichkeit so, wie du sie dir vorgestellt hast?

Maher: Es war wirklich perfekt und sehr emotional. Diese fünf Tage in Griechenland waren wie Flitterwochen.

Wir fingen an unsere Reise nach Deutschland zu organisieren. Sie kam mit einer Freundin nach Griechenland, Mona (Name geändert, Anm. PiG). Sie war auch Teil der Unterstützergruppe. Der Plan war, dass sie die Grenze zuerst überqueren und an der nächsten Bushaltestelle auf mich warten sollten. Alle diese Orte haben Busbahnhöfe, von wo aus man in die Hauptstadt gelangt.

Wir machten uns also von Athen nach Thessaloniki auf. Von dort aus überquerte ich die Grenze illegal, und sie legal. Ich kam an der Bushaltestelle an, als sie schon drei Tickets für eine Fahrt in die Hauptstadt bezahlt hatten. Ich tat so, als würde ich sie nicht kennen, nahm ihnen meins ab und ging direkt auf den Bus zu. Hätte ich nämlich versucht selbst zu bezahlen, wäre ich kontrolliert worden.

Wir fuhren also nach Skopje. Wir starteten von Athen aus gegen elf Uhr, und kamen erst gegen halb sieben morgens in Mazedonien an. Als wir in Skopje, der Hauptstadt von Mazedonien, waren, war es etwa halb elf. Wir waren sehr müde, also beschlossen wir, uns ein Hostel zu suchen, eine Nacht zu schlafen, und dann unsere Reise fortzusetzen.

In der Hauptstadt waren viele Polizisten, es war schrecklich. Einige Polizisten fragten uns dann, woher wir kämen. Unsere Herzen schlugen da so (Maher imitiert mit seiner Hand einen starken Herzschlag)! Wir antworteten, wir seien Touristen. Die Mädels meinten, sie seien aus Deutschland, und ihre Ausweise wurden kontrolliert. Ich aber hatte keinen Ausweis! Ich tat also so, als würde ich rumschauen, und spielte den Touristen. Gerade, als sie mich kontrollieren wollten, kam ich ihnen zuvor, und fragte sie, wo unser Hotel sei. Sie nahmen an, ich sei Tourist wie die beiden anderen, und ließen es, mich zu kontrollieren.

Wir gingen zum Hostel , wo ein sehr netter Mann war. „Wir haben eine Nacht gebucht…“, „Ja, die IDs, bitte!“. Sie (eine der beiden Frauen, Anm. PiG) gab ihm ihre ID. Doch er blieb hart: „Nein, alle bitte, es geht um illegale Flüchtlinge“! Oh verdammt… (Maher lacht)

Ich tat so, als wenn ich in meiner Tasche suchen würde. Ich sagte zu ihm „Du musst nicht die Polizei rufen“, und trotzdem rief er sie. Ich hatte ihn anscheinend verwirrt. Also gingen wir schnurstracks zurück zum Bahnhof. Wir nahmen Taxis und fuhren nach Kumanovo (Stadt nordöstlich von Skopje, auf dem Weg nach Serbien, Anm. PiG). Es war gefährlich für die beiden. Dort waren seltsame Menschen, die uns anschauten, als wenn sie sich fragen würden, was wir überhaupt dort machten.

Wir schliefen in einem zerfallenen Haus, ruhten uns etwas aus. Ich hatte keine Angst um mich selbst, sondern eher um sie. Ich fühlte mich verantwortlich.

Wir fuhren mit Taxis zur Grenze. Etwa 800 Meter davor stieg ich aus und lief in Richtung der serbischen Grenze. Die beiden Mädels reisten per Anhalter und erwischten einen LKW bis nach Serbien. Sie schickten mir den Namen des Orts, an dem sie auf mich warten wollten. Ich hatte kein Internet, doch ich hatte die Karte von Europa im Navigationssystem. Ich schaute den Ort nach, und ja, es sah aus, als wenn er nahe der Grenze liegen würde. Doch tatsächlich… (Maher zeigt mit seiner Hand von sich weg, pfeift und lacht)

Yasin: Das ist der Unterschied zwischen Karte und Realität.

Maher: Mehr als hundert Kilometer! Ich musste laufen. Also lief ich, und lief…

PiG: Wie war das Überqueren dieser Grenze?

Maher: Es war schon einfach.

PiG: Und Griechenland-Mazedonien?

Maher: Griechenland-Mazedonien, Mazedonien-Serbien, beide ziemlich einfach. Die Idee der Kontrollen ist nämlich folgende. Sie setzen auf die Bevölkerung. Wenn jemand irgendeinen Illegalen (Flüchtling, Anm. PiG) sieht, soll er einfach die Polizei rufen. Und wenn dieser tatsächlich illegal ist, erhalten die Menschen dafür Geld. Die Grenze sind also die Menschen.

Ich beschloss zu laufen…

PiG: Du konntest doch nicht hundert Kilometer laufen?!

Maher: Ich lief die ganze Zeit! Ich machte mit den beiden aus, dass sie von diesem Ort zurück nach Vranje kamen, das war zwischen meiner Position und deren Standort. Vranje sollte etwa dreizehn Kilometer weit weg sein. Doch die Sprache war ein großes Problem, niemand sprach Englisch, nur Russisch. Als ich fragte, wie weit weg Vranje liege, erhielt ich also die Antwort: „thirteen kilometers.“ Also dachte ich, gut, dreizehn Kilometer, das kann ich laufen. Nach etwa fünf gelaufenen Kilometern fragte ich erneut. Sie sagten mir: „Not thirteen, thirty!“ (Maher bricht in Lachen aus)

„Das ist auf dem Weg nach Serbien. I frage mich die ganze Zeit nur ´Wann bin ich da, wann bin ich da?´“. Foto von Maher.

„Das ist auf dem Weg nach Serbien. I frage mich die ganze Zeit nur ´Wann bin ich da, wann bin ich da?´“. Foto von Maher.

Es war nichts zu machen, ich musste weiter. Ich kam auf eine Straße. Den ganzen Tag war ich gelaufen, und die Nacht nahte. Ich hatte nichts zu verlieren, und ich dachte an nichts mehr. Ich musste nur nach Vranje kommen. Also hielt ich ein Auto an, und fragte den Fahrer, ob er mich mitnehmen könne. „Nein, du bist ein Illegaler. Ich komme ins Gefängnis, wenn ich dich mitnehme“, und so Sachen antwortete er mir. Ich bot ihm etwas Geld an und flehte ihn an. Schließlich nahm er mich bis zu einem Ort mit, von wo aus ich ein Taxi nehmen konnte.

Er ließ mich an einer Haltestelle raus. Ich nahm das nächste Auto nach Vranje, wo ich auf sie wartete. Sie kamen gegen 22 Uhr mit dem Bus an. Die beiden fühlten sich wirklich unwohl, denn sie hatten ein schreckliches Erlebnis mit dem Busfahrer.

Yasin brachte mal eine Metapher: Man ist zwischen zwei Bergen, einem Berg der Furcht, und einem Berg des Glücks. Als wir uns trafen, war es ein Glücksgefühl, doch im nächsten Augenblick war es das Gegenteil. Ich musste sie anbetteln, dass sie mir neue Schuhe kauften. Ich brauchte auch etwas zu Essen, denn ich hatte all meine Kraft verloren.

Wir fuhren weiter in die Hauptstadt Belgrad. Wir schliefen etwas im Bus. Doch wenn du so gestresst bist, kannst du nicht schlafen. Wir kamen um sechs Uhr früh in Belgrad an. Die beiden waren wirklich in einem schlimmen Zustand. Mona konnte kaum mehr sprechen. Die Mädels wollten eine Dusche. (Maher lacht)

Sie wunderten sich, wie ich noch Witze reißen konnte. Doch ich hatte im Kriegsgebiet gelebt, da war das eine vergleichsweise normale Situation. Ich hatte überhaupt keine Angst.

Maher zeigt mir später Fotos, auf denen er zusammen mit den beiden Begleiterinnen zu sehen ist. Tatsächlich ist stets ein gut gelaunter Maher zu sehen, während man den beiden die Strapazen anzusehen scheint.

Lisa schlug vor, eine Kirche aufzusuchen und nach einem Schlafplatz zu fragen. Also gingen wir in eine Kirche in Belgrad und fragten den Priester: „Wir sind Touristen, wir haben unser Geld verloren und haben jetzt keins mehr für ein Hotel“.

PiG: Wie reagierte er?

Maher: Wir logen ihn an, weil wir einen ruhigen Schlafplatz brauchten. Und er sagte: „Okay, ihr könnt eine Nacht bleiben.“ Und dabei sind wir alle Atheisten! (Maher lacht) Wir mussten ihn belügen. Ich sagte, ich sei George und käme aus London!

Wir hatten wirklich eine schöne Zeit. Wir redeten viel über Religion und tranken Raki, das war nett. Er war ein wirklich netter Priester, und wir logen ihn an! Wir bekamen eine Dusche, gutes Essen und hatten eine gute Zeit. Er bezahlte auch unsere Tickets. Wir sagten ihm, wir müssten in Richtung Subotica, wo wir die Grenze zu Ungarn überqueren wollten.

PiG: Dorthin ging es wieder mit dem Bus?

Maher: Genau. Und dort in Subotica fingen wir an, uns gegenseitig zu analysieren. Mona fand, dass Lisa zu bestimmend war. Doch das fand ich nicht. Das waren so leichte Anfeindungen. Sie meinte auch zu mir, ich würde mich wie der Anführer aufspielen und solche Dinge. All solche Sachen, und wir versuchten es zu ignorieren. Wir pausierten den Streit.

Zum Schengenraum fehlte also nur noch die ungarische Grenze. Diese Grenzüberquerung war sehr einfach für mich, ich brauchte nur eine Stunde dafür. Wir vereinbarten wieder einen Treffpunkt in einem Ort nahe der Grenze. Doch der Ort war voller Polizei. Sie (die beiden Begleiterinnen, Anm. PiG) sendeten mir noch eine Nachricht, doch die bekam ich nicht. Und als ich dann dort ankam, wartete schon ein Polizeiauto auf mich.

Ich gab falsche Angaben über meinen Namen und meine Herkunft an. Ich war völlig fertig, doch als sie mich dann ins Gefängnis steckten, bekam ich immerhin gutes Essen, eine Dusche, und ich konnte etwas schlafen. Das war gut für mich, daher machte ich mir gar keine großen Sorgen. Die Polizisten stellten einige Nachforschungen an, und brachten mich am nächsten Morgen zum Bahnhof. Ich bekam ein Zugticket zu den Aufnahmelagern. Ich nahm es, und rief die Mädels an, um zu fragen, wo sie seien. Sie waren in Budapest. Also sagte ich ihnen, ich würde kommen (Maher fängt an zu lachen). In Budapest trafen wir uns.

Wir waren ziemlich müde von der Reise. Wir zählten unser Geld und überlegten, mit einem Transporter weiterzufahren. Ich hatte Kontakt zu jemandem, der so etwas macht, doch der meinte nur: „Das braucht ihr nicht zu machen, wir sind im Schengen-Raum! Ich kauf euch ein Ticket, und ihr gebt mir hundert Euro. Es ist gerade WM, da gibt es nicht viele Kontrollen.“ Wir nahmen also den Zug und erreichten München.

PiG: Ihr habt einfach so den Zug genommen? Gab es keine Kontrollen?

Maher: Ich wurde nicht kontrolliert. Wenn sie kontrollierten, tat ich so, als wenn ich schlafen würde, und die Mädels zeigten die Tickets.

Maher: Als ich in Leipzig (Lisas Wohnort, Anm. PiG) ankam, lebte ich fünf Tage mit ihr (Lisa, Anm. PiG) (Maher hält inne). Wir hatten eine schöne Zeit, doch im Innern waren wir gestresst. All die Probleme kamen nun an die Oberfläche, auch Probleme zwischen ihr und mir. Wir stritten uns zu der Zeit viel darüber, was wir jetzt tun sollten. Sie hatte sich komplett verändert. Sie machte ihr Ding, denn sie hatte ihre Mission erfüllt. Sie nahm es als Mission! Sie meinte zu mir nur: „Ich habe keine Gefühle für dich, lass uns Freunde sein!“

PiG: Warst du verletzt?

Maher: Ich fühlte mich betrogen. Denn die ganze Reise über sagte ich zu ihr, dass ich wegen ihr käme, und nicht weil ich nach Deutschland wollte. Wir hatten also heftigen Streit, und das ist auch das letzte Mal, dass ich mit ihr gesprochen habe. Ich werde sie in guter Erinnerungen behalten. Aber eine Freundschaft ist nicht möglich. Ich kann nicht ihr Freund sein.

Ich war durcheinander. Ich hatte mich bis dahin nicht um Asyl gekümmert, ich wusste nicht, was ich da machen musste.

PiG: Wenn du von Betrug sprichst, was meinst du damit genau?

Maher: Ich hatte mein Land verlassen, und war sogar bereit zu sterben. Diese Liebesgeschichte zwischen ihr und mir hielt mich am Leben. Da zeigt dir ein Mensch Gefühle, und sagt dir hinterher, dass es nur ein Missverständnis sei! Wie bitte?

Sie hat jetzt seit zwei Tagen einen neuen Freund. Ich wünsche ich wirklich alles Gute. Doch ich bin jetzt für andere Menschen da. Ich sorge mich nicht mehr um mein Leben. Mein Leben besteht darin, die politische Situation zu ändern und Anderen zu helfen. Der einzelne Mensch kann nichts dafür, dass er in Syrien leidet. Dass er schlechte Bildung erhält oder in eine schlimme Situation kommt. Dass er einen „schlechten“ Pass hat und man ihn nicht reisen lässt, wohin auch immer. Ich bin jetzt ein Teil des „Asylum Seekers Movement“.

Demokratie bedeutet nicht Gerechtigkeit; Recht bedeutet nicht Gerechtigkeit. Die Menschen (des Westens, Anm. PiG) müssen wissen, dass das Übel der Welt ein Resultat ihres Handelns ist. Ich bin jetzt hier in Deutschland, dem weltweit drittgrößten Waffenexporteur. Vielleicht ist es Schicksal, dass ich hier bin. Ich, der durch chemische Waffen traumatisiert wurde. Chemische Waffen, die von deutschen Fabriken hergestellt wurden.

In den Jahren 2004-2009 war Deutschland mit 11 Prozent Marktanteil der drittgrößte Waffenexporteur der Welt, hinter den USA und Russland. In Deutschland wird der Export durch das Außenwirtschaftsgesetz und Kriegswaffenkontrollgesetz reglementiert. Die Erlaubnis zum Export wird von dem unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagenden Bundessicherheitsrat der Bundesregierung erteilt. Ein Mitspracherecht des Parlaments ist nicht vorgesehen. Trotz strenger Auflagen gelangen deutsche Waffen immer wieder in Unruhegebiete, in die der Export eigentlich untersagt ist. Deutsche Unternehmen haben auch das Regime in Syrien mit Bauteilen und Stoffen für Waffenfabriken beliefert.

Ich kann meine Gefühle schwer beschreiben. Ich hoffe, du verstehst, was ich meine.

PiG: Seit wann bist du jetzt hier?

Maher: Seit sechs Monaten.

PiG: Seit sechs Monate hier in diesem Haus?

Maher: Nein, nicht hier. Ich ging erst in ein Lager in Bautzen. Dort fing ich an mich für die Lage der Flüchtlinge einsetzen. Dort gab es Nazis, gegen die wir einige Leute mobilisieren wollten. Dort hatten wir aber auch einige Unterstützer. Es gibt also solche und solche Menschen.

In Bautzen war ich zwei Monate. Das war die Zeit, in der ich an meinem Asylantrag arbeitete. Und als ich dann Asyl erhielt, wollte ich nur weg. Ich hatte erfahren, dass sie ihren neuen Freund hat, und das zerstörte mich. Ich wollte zurück nach Syrien und alles aufgeben.

Aber ich denke jetzt, dass ich hier etwas tun kann. Denn wenn ich nichts mache, dann zerstört mich das. So fühle ich das jetzt, und ich bin voller Kraft. Ich bin nicht mehr ich, mein Leben ist jetzt für Andere da. Ich habe mein eigenes Leben verloren, als ich Syrien verließ. Ich habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.

PiG: Lass uns zu dem Zeitpunkt zurückgehen, an dem du Lisa verlassen hattest. Du hast erzählst, du warst in einem Lager in Bautzen. Ich bin mir sicher, für viele Deutsche sind diese Lager einfach nur Gebäude, wo fremde Menschen leben, sie kommen nicht wirklich mit ihnen in Kontakt. Sie haben wahrscheinlich wenig Vorstellung davon, wie das Leben dort abläuft. Kannst du uns darüber etwas erzählen?

Maher: Ich hatte Glück, dass ich in ein neues Lager kam. Es war in einem Hotel in Bautzen. Die Lebensbedingungen waren völlig in Ordnung. Doch die Herangehensweise ist das Problem. Wir waren außerhalb der Stadt untergebracht. Als wenn wir gefährlich wären. Als wären wir Tiere oder sonst was. Das ist das eine.

Dann fühlt man sich alleine. Man fühlt sich alleine, denn man ist von einer völlig fremden Sprache umgeben. Es fühlt sich an wie im Gefängnis, obwohl man eigentlich frei ist. Und dann ist da noch die „Residenzpflicht“ (Maher verwendet hier den deutschen Begriff, Anm. PiG), die einem untersagt sich ohne Erlaubnis zu bewegen. Die Menschen fühlen sich wie in einem Gefängnis, und das ruft eine Menge psychologischer Probleme hervor. Ich kann vielleicht jetzt meine Gefühle ausdrücken, aber dort sind Menschen, die das nicht können. Sei es, weil sie einfach nicht genug gebildet sind, oder weil sie diese Gewalt, die sie erlebt haben, nicht beschreiben können.

Und dann waren da auch noch die Nazis, die uns angriffen. Das machte es schwerer. Wir versuchten ruhig zu bleiben, und auf politischem Weg etwas zu erreichen. Manchmal klappte es, doch es waren Kleinigkeiten, und änderten nichts an der Gesamtsituation. Es gibt einfach Menschen, deren Ansichten sich dir gegenüber nicht ändern. Auch wenn ich nicht paranoid bin, es gibt Menschen (im Lager, Anm. PiG), die es werden. Ich meine, ich bin ein Mensch, der nach Asyl fragt, nicht nur ein Flüchtling. Ich besitze Menschenrechte. Ich habe als Mensch das Recht mich jederzeit überall hin zu bewegen. Ich glaube nicht an Nationalität. Egal, ob du Deutscher oder Syrer bist, wir sind alle Menschen!

PiG: Ich nehme an, in den Lagern waren Menschen au der ganzen Welt. Habt ihr auf Deutsch miteinander geredet?

Maher: Ja. Das Problem ist, dass dir als Asylsuchendem kein Deutschkurs zusteht. Es gibt keine Deutschkurse!

PiG: Die müssen die Asylsuchenden selbst zahlen?

Maher: Wenn du einen Antrag stellst, musst du ihn am Anfang selbst zahlen. Und nach einem Jahr dann vielleicht…

Wie ist es jetzt? Ich habe „Glück“, dass ich aus Syrien komme. Dass in meinem Land Krieg herrscht. Dadurch habe ich eine größere Wahrscheinlichkeit, Asyl zu bekommen, als jemand, der aus Tunesien kommt. Weil in meinem Land Krieg ist! Das tut wirklich weh. Ich halte das manchmal für einen rassistischen Ansatz. Denn die Person hat die gleichen Rechte wie ich. Er kommt aus einer sehr schlechten Situation. Und doch trifft die Regierung ihre Wahl so. Als wenn ich dieses „Geschenk“ mehr verdienen würde als andere! Das ruft auch Neid hervor.

(Maher hält kurz inne)

Als ich zu den Behörden ging, um meine Papiere abzugeben, bekam ich nur ein “Deutsch bitte!” zurück. (Maher spricht diese zwei Wörter auf Deutsch mit strenger Stimme aus, und fängt an zu lachen) Wie kann ich Deutsch reden, wenn es keine Deutschkurse für mich gibt? Als wenn sie denken würden, du würdest entscheiden in dieses Land zu kommen, dass es deine Schuld sei.

Zum Glück kann ich meine Gefühle ausdrücken! Andere Menschen aus den Lagern schlagen den kriminellen Weg ein, oder nehmen Drogen. Doch die entschuldige ich. Denn das Problem liegt im System, das sich nicht um sie kümmert. Die (deutsche, Anm. PiG) Gesellschaft braucht doch junge Menschen, und diese Menschen stecken voller Kraft. Meine Geschichte zeigt doch, wie viel Kraft ich besitze! Und wenn man bei diesen Menschen solche depressiven Gefühle (Maher meint hier die weiter oben beschriebenen Gefühle, die die Menschen in den Lager haben, Anm. PiG) auslöst, dann lassen sie ihre Kraft auf kriminellem Weg aus. Wir machen diese Menschen zu Straftätern! Diese Message zu verbreiten ist jetzt meine Aufgabe. Deswegen bin ich auch in der Bewegung.

Maher wohnt in einem alternativen Wohnprojekt in Chemnitz. Er fühlt sich wohl, es gibt eine VoKü und die Menschen sind nett.

Maher wohnt in einem alternativen Wohnprojekt in Chemnitz. Er fühlt sich wohl, es gibt eine VoKü und die Menschen sind nett.

PiG: Gibt es Deutsche, die dir helfen?

Ja, klar. Wenn Deutsche die Lage verstehen, helfen sie auch. Ich nehme an, wenn man den Menschen so eine Geschichte erzählt, wenn sie die wahre Situation wirklich sehen, sind sie bereit zu helfen. Ich glaube nicht an Deutschland oder Syrien. Alle Menschen sind gleich.

Yasin: Das ist wahr. Ich glaube, dass niemand als gute oder schlechte Person geboren wird. Es sind die Umstände, die uns formen. Was wir jetzt machen müssen, ist, den Menschen diese Probleme zu erklären. Nicht nur in Deutschland. In Europa, auf der ganzen Welt!

Ich würde noch gerne wissen, wie er jetzt im Nachhinein seine Flucht aus Syrien sieht. In Mahers Geschichte spielt er die Hauptrolle, doch mich interessiert auch, wie die Familie damit umging, und warum er ganz alleine floh.

PiG: Hast du je darüber nachgedacht jemand aus deiner Familie nach Deutschland zu holen?

(Maher denkt etwas länger nach)

Maher: Das ist wirklich eine schwierige Frage!

PiG: Hast du deiner Familie von deinem Plan erzählt, oder hast du ihn einfach durchgezogen?

(Maher spricht nun ernster, ist nachdenklicher)

Nein, sie wussten schon davon. Meine Familie mitzunehmen wäre ein bisschen schwierig gewesen. Ich denke daran, wie es gewesen wäre, hätte ich meinen Vater und meine Mutter mitgenommen. Sie sind so alt! Mein Vater ist mehr als 80 Jahre alt, und meine Mutter mehr als 70. Sie haben zahlreiche Alterskrankheiten. Ich würde sie gerne nach Deutschland holen, nur damit sie schöne letzte Tage hier haben. Doch Im Augenblick kann ich nichts machen.

Mit dem Geld ist es auch schwierig. Gestern war der erste Tag, an dem ich meinen Eltern etwas geschickt habe. Ich hoffe, ich finde jetzt einen Job, um ihnen weiterhin Geld schicken zu können. Mehr kann ich gerade nicht machen.

Manchmal versuche ich, nicht mit meinen Eltern zu sprechen, denn wenn ich meinen Vater anrufe, fängt er an zu weinen. Er ist jetzt stolz auf mich, die alten Streitereien sind vorbei. Ich versuche nicht mit ihnen zu sprechen, denn das macht mich wirklich fertig. Ich stecke jetzt hier fest.

Ich vermisse sie so sehr, auch meine Freunde. Manche Freunde wurden hingerichtet, andere werden vermisst. Und einige sind einfach am Ende, so wie ich es damals war. Wenn du eine ehrliche Antwort darauf haben willst, ob ich mich hier in Deutschland wohl fühle: Nein, es ist ein Fluch. Ich will nicht vergessen. Es gibt hier Leute, die wieder von Null anfangen. Doch ich will nicht vergessen, wo ich herkomme. Ich will meine Freunde oder meine Familie nicht vergessen. Das ist der Grund, warum ich weitermache. Ich will etwas ändern, und vielleicht kann ich das von hier aus. Aber das braucht eine Menge Arbeit.

PiG: Im Augenblick bist du auf der Suche nach einer Arbeit. Willst du wieder als Schneider arbeiten?

Maher: Ich suche irgendeine Arbeit. Eine richtige Arbeit, damit ich Geld habe, um auch Anderen zu helfen.

PiG: Gilt die Residenzpflicht immer noch für dich?

Maher: Nein, ich habe jetzt die die Papiere für mein Asyl erhalten.

Maher hat vor wenigen Tagen Asyl für drei Jahre erhalten. Damit ist er von der Residenzpflicht entbunden. Diese ist eine Auflage für Asylbewerber und Geduldete, die die Betroffenen während des Zulassungsverfahrens verpflichtet, sich nur in dem von der zuständigen Behörde festgelegten Bereich aufzuhalten.

Maher hat Glück, in Deutschland bleiben zu können. Normalerweise würde er nach der Dublin II-Verordnung nach Griechenland zurücküberstellt, da er dort in den Schengen-Raum eingereist ist. Derzeit finden aber keine Zurückschiebungen nach Griechenland statt, was der Situation von Flüchtlingen dort geschuldet ist. 

Ich will einen Job finden, aber ich will auch weiter politisch aktiv sein. Ich versuche beides hinzubekommen. Ich gebe alles dafür. Nach Deutschland zu kommen war für mich vor einem Jahr auch nur ein Traum. Und jetzt ist er wahr geworden. Jetzt kann mich nichts mehr aufhalten.

PiG: Glaubst du, dass du jemals nach Syrien zurückkehren wirst, wenn dort Frieden herrscht?

Maher: Sicher! (Maher bricht in Lachen aus) Aber ich bin nicht bereit, nochmal so verletzt zu werden wie von ihr (Lisa, Anm. PiG). Ich will keine emotionale Entscheidung mehr treffen. Wenn ich nochmal enttäuscht werde, dann bin ich nutzlos.

Mein Zuhause ist bei meinen Freunden und bei meiner Familie. Und das Zuhause hat nichts mit Nationalität zu tun. Selbst wenn ich allein bin, es gibt viele Unterstützer und das fühlt sich gut an. Denn zusammen erreicht man mehr als alleine.

PiG: Maher, vielen Dank dafür, dass du deine Geschichte mit mir geteilt hast!

Maher: Nein, ich danke dir, dass du mir zugehört hast!

Dieses Interview wurde am 12. Dezember 2015 aufgezeichnet.

Vielen Dank an Rüdiger Morbach, ohne dessen Hilfe das Interview nicht bis zum heutigen Tag fertig geworden wäre.

Für Maher war es sicher nicht einfach, sein Leben vor mir und den Lesern auszubreiten. Dafür möchte ich mich bedanken.

Ein besonderer Dank gilt auch Jonas Seufert, ohne den dieses Interview gar nicht erst möglich gewesen wäre. Jonas Seufert hat im Rahmen dieser Themenwoche in einem Gastbeitrag die rechtliche Lage derjenigen Flüchtlinge geschildert, die aufgrund von Klimaveränderung und anderen Umweltaspekten gezwungen sind zu flüchten.