Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte – Wollen wir so leben?

Der Hass aus dem Netz ist 2015 zu tatsächlicher Gewalt geworden. Screenshot vom März 2015.

Der Hass aus dem Netz ist 2015 zu tatsächlicher Gewalt geworden. Screenshot vom März 2015.

Im Sommer fuhr ich in den Dresdner Stadtteil Stetzsch. Auf eine Unterkunft für geflüchtete Menschen war dort zuvor ein Buttersäureanschlag verübt worden. Seitdem ermittelte das Operative Abwehrzentrum, eine Spezialeinheit des polizeilichen Staatsschutzes in Sachen. Doch gleichzeitig versammelten sich auch weiterhin jeden Abend einige biertrinkende Rechte an der Tankstelle schräg gegenüber. Für das Twitter-Projekt „Straßengezwitscher“ wollte ich mir damals ein Bild machen. Die Lage schien sich wieder zu beruhigen, der rechte Stammtreff wurde immer weniger besucht.

Vor wenigen Tagen kamen die Erinnerungen dann wieder hoch. Mit Feuerwerkskörpern wurden am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags mehrere Scheiben der bewohnten Unterkunft gesprengt. Zum Glück wurde keiner der 41 Bewohner verletzt. „Nochmal gut gegangen.“

Wenn ich darüber nachdenke, wie ich denn eigentlich leben will, fällt mir auf, dass es mir leichter fällt, vieles im vergangenen Jahr Gesehene davon auszuschließen. Persönliches wie das eigene Foto auf den Facebook-Seiten rechter Gruppen und Tritte in den Rücken, das allmontäglich Erlebte bis hin zu den extremen Auswüchsen der Gewalt in Heidenau und Dresden.

Dass jeder der über 875 alleine in diesem Jahr registrierten Übergriffe auf Unterkünfte von Asylsuchenden einer zu viel ist, darüber dürften wir uns einig sein. Sich aber wegen eines solchen „Böllerwurfs“ wie in Stetzsch zu empören, das geht den meisten zu weit. „Am Samstagmorgen brannten offenbar einem rechten Knallkopf mal wieder die Sicherungen durch“, schreibt die Bild-Zeitung über den Angriff. Sich über die Bild-Zeitung aufzuregen, wäre nicht sonderlich originell. Doch spiegelt dieses Abtun rechter Gewalt das Meinungsbild vieler wider. Die Bewohner des Heimes seien „offenbar nicht gerade beliebt.“

Fremdenfeindliches Gedankengut ist salonfähig geworden. Wenn Schäuble und Steinmeier konstatieren, rechte Gewalt in Deutschland sei „auch ein Ergebnis geistiger Brandstiftung“, ist das nicht mehr als ein spätes Eingestehen des eigenen Versagens. Schließlich gab es in Dresden 2015 kaum einen kritischen Beobachter, der Pegida nicht zumindest eine Mitverantwortung für das aggressive Klima gegeben hätte. Wer sich noch immer der Illusion hingibt, Pegida sei lediglich eine „islamkritische“ Bewegung, dem sei ein Besuch auf deren Facebook-Seite ans Herz gelegt. Die im besten Fall mangelnde Distanzierung Schäubles und Steinmeiers Politiker-Kollegen und der Gesellschaft von solchen fremdenfeindlichen Bewegungen resultiert „im Volk“ in einem Selbstverständnis, man könne ja mal einen Böller werfen auf das Haus der Fremden, die ohnehin „nicht gerade beliebt“ sind.

Für 2016 wünsche ich mir mehr aufrichtige Empörung. Mehr Empörung von Menschen, denen es so gut geht, dass sie am zweiten Weihnachtsfeiertag ihre Weihnachtsgans verdauen können, während gleichzeitig andere Menschen, die vor Krieg geflohen sind, nicht einmal im vermeintlich sicheren Deutschland in Ruhe gelassen werden.

Einen neuen „Aufstand der Anständigen“ forderte die NDR-Moderatorin Anja Reschke im August und bezog sich dabei auf rassistische Hetze gegen Flüchtlinge im Netz. Ein wichtiger Wachrüttler im Sommerloch, auch wenn es eigentlich keines Aufstandes bedürfen sollte, sich Rassismus entgegenzustellen.

Doch fremdenfeindliche Straftaten werden längst schon auf der Straße begangen, zeigt die Statistik. Und dahin, wo er gut sichtbar ist, gehört auch der „Aufstand der Anständigen“. Wenn nötig, jede Woche montags.