Unwürdig –  Die Wohnsituation von Asylbewerbern in Deutschland

/ Wikimedia Commons, DALIBRI / editiert.

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Deutschland, ein offenes Land für Flüchtlinge. So kann man es überall lesen. Deutschland ist weltweit unter den Top 20 der Nationen, die die meisten Flüchtlinge beherbergen. Gerade hat die Innenministerkonferenz beschlossen, weitere Aufnahmeplätze für syrische Flüchtlinge bereitzustellen, so dass auf Deutschland allein nunmehr zwei Drittel der europäischen Aufnahmekontingente für syrische Flüchtlinge entfielen. Das sind gute Nachrichten, die stolz machen könnten. Menschen in Not können nach Deutschland kommen. Gibt es eine größere Auszeichnung für ein Land?

Schön wäre ja, wenn zu diesen hehren Zielen alle an einem Strang ziehen würden – Bundesländer, Kommunen und vor allem die deutsche Bevölkerung. Das ist leider weit entfernt von der Realität. Stattdessen: Tote und Verletzte unter Asylbewerbern, Straftaten und Übergriffe aus der Bevölkerung. Wer ist daran schuld? Nicht zuletzt die desolate Wohnsituation, die Asylbewerber in Deutschland vorfinden.

Es fängt damit an, dass manche Bundesländer Asylbewerber generell in Sammelunterkünften unterbringen – man könnte auch von „Lagern“ sprechen. Diese „Lager“ sind dann möglichst fernab der restlichen Bevölkerung am Rande der Städte, da wo niemand leben will. So hausen zum Beispiel hier in Tübingen, mitten im reichen Baden-Württemberg, die Asylbewerber in einem Gewerbegebiet am Stadtrand. In der Nachbarstadt Reutlingen platzt das vorhandene Asylbewerberheim aus allen Nähten, der Landkreis baut Wohnbaracken. Neubauten werden in Gewerbegebieten errichtet, obwohl dort eigentlich keine Wohnhäuser zulässig wären. Viele der Asylbewerberheime sind schon seit Jahren Provisorien, sehen aus wie Gefängnisse, isolieren die Flüchtlinge von der Außenwelt. Ein Teil dürfte nicht mehr gebaut werden, viele andere hätten wohl nie gebaut werden dürfen. Viele sind nicht im Ansatz für den Aufenthalt von Menschen geeignet, und damit einhergehend natürlich Horte der Kriminalität. Wer erwartet von Menschen, die ohne Aussicht auf eine Änderung der Zustände wie Tiere zusammengepfercht werden, dass sie sich zum Grundgesetz bekennen und Volkshochschulkurse belegen?

Und wenn die Kommunen doch etwas ändern wollen und zumindest neue, kleinere Sammelunterkünfte einrichten wollen, erzürnt sich die Bevölkerung. Nicht bei mir, so lautet die Devise. Und es wird protestiert, sein es die Bildungsbürger unter dem Deckmantel vermeintlich sachlicher Argumente, sei es die bildungsfernste Schicht mit unverhüllter Gewalttätigkeit. Die Angriffe auf Asylbewerberheime nehmen zu. Es ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, bis es wieder zu einem Übergriff wie in Rostock-Lichtenhagen kommt. Mit dieser Angst müssen die in den Sammelunterkünften untergebrachten Menschen dann auch noch jeden Tag leben.

Was kann man dagegen tun? Die Rezepte liegen seit Jahren auf dem Tisch. Der einzige sinnvolle Ansatz ist, Asylbewerber in Wohnungen unterzubringen, in den Herzen der Städte, in der Mitte der Gesellschaft. Sie müssen aus dem Schatten geholt werden, wo sie von Rechten drangsaliert und verspottet werden. Sie müssen ein selbstverständlicher Anblick auf den Straßen und Plätzen des Landes und ein Teil des täglichen Lebens seiner Einwohner werden. Nur so kann die übliche Stigmatisierung schon gar nicht stattfinden.

Wohnungen sind dafür der richtige Anfang. Schon alleine deshalb, weil Asylbewerber hier sicher und geschützt leben können, auch in aller Anonymität, wenn sie dies wünschen. Niemand würde dem Mieter einer Wohnung das Recht zusprechen, den Aufenthaltsstatus seines Nachbarn zu erfahren. Wohnungen bieten den Schutz, den ein Staat Asylbewerbern schuldet. Und das sollte er sich auch etwas kosten lassen. Von der Unterbringung in Wohnungen profitierten natürlich in erster Linie die Asylbewerber, die – endlich – ein menschenwürdiges Dasein führen könnten, auf das sie ein Recht haben. Und nicht nur das: Auch den Ländern und Kommunen wäre geholfen, wenn die Asylbewerberheime als Anziehungspunkte von Verbrechen und Gewalt endlich der Vergangenheit angehören würden.

Natürlich löst das nicht die Hauptprobleme, die jahrelangen Wartezeiten, die schwachen Asylgesetze, die teils willkürliche Behandlung durch deutsche Behörden. Aber es würde die Situation für alle Beteiligten bis dahin erträglicher machen. Würdiger allemal. Und wer sich um die Würde derer, die alles verloren haben, nicht kümmert, der tritt das, was uns Deutschen am Allerheiligsten ist, mit Füßen.