Vor der Wahl zwischen Pest und Cholera

Nach dem Mord an Boris Nemzow kommt das politische Russland nicht zur Ruhe. Kaum jemand glaubt ernsthaft an die von den russischen Ermittlungsbehörden präsentierte Version, wonach einer der Verdächtigen, Saur Dadajew, gleichzeitig auch der Drahtzieher sein soll. Das Motiv sollen islamkritische Aussagen Nemzows nach den Pariser Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo sein. Eine schnelle Aufklärung des Falls also? Mitnichten, denn zahlreiche Unstimmigkeiten rufen Zweifel an der offiziellen Version auf.

Rosbalt als Sprachrohr von Kadyrow-Leuten?

Sowohl die Information, dass der Hauptverdächtige Saur Dadajew ein Geständnis abgelegt hatte, als auch die, dass das Motiv negative Aussagen Nemzows gegenüber dem Islam gewesen sein sollen, streute das Nachrichtenportal „Rosbalt“ mit Berufung auf eine Quelle im den Sicherheitsstrukturen. Darauf stützten sich fast alle Berichte. Eine Variante, die Hintermänner ausschließt und den Fall schnell ad acta legen lässt. Die Quelle, die Rosbalt anführt, liefert also eine Variante, die Tschetscheniens Oberhaupt Ramsan Kadyrow außen vor lässt. Dabei kannte er Dadajew und die anderen Verdächtigen sehr wohl.

Die Zeitung MK, die wiederum in Verbindung mit den föderalen Machtstrukturen – Innenministerium, FSB und Ermittlungskomitee – gebracht wird, veröffentlichte am vergangenen ein Foto des Fluchtautos. Es soll bereits im Herbst vergangenen Jahres unweit des Wohnorts von Boris Nemzow gesichtet worden sein. Demnach wurde der Mord monatelang geplant – vor allem lange vor Charlie Hebdo. Auch der Fluchtverlauf erscheint eher wie ein Wink an den Kreml als eine schnellstmögliche Flucht: die Täter drehten nach der Tat noch eine Siegesrunde um den Kreml. Am Mittwoch schrieb MK, dass Dadajew sein Schuldeingeständnis zurückgenommen habe. Menschenrechtler vermuten, dass es unter Folter zustande kam.

Der Mord an Boris Nemzow bringt Machtkampf zum Vorschein

Es darf nicht ausgeschlossen werden, dass verschiedene Interessengruppen ihre jeweilige Version über abhängige Medien verbreiten. Dass in diesem Fall ein Konflikt zwischen föderalen Machtstrukturen und Strukturen um das tschetschenische Oberhaupt Ramsan Kadyrow vorliegt, ist offensichtlich.

Wladimir Putin und Ramsan Kadyrow / Foto © kremlin.ru

Wladimir Putin und Ramsan Kadyrow / Foto © kremlin.ru

Die Zeitung „Nowaja Gaseta“ schrieb am Mittwoch, dass es sehr wohl Hintermänner gegeben habe. Dabei soll es sich um einen gewissen Ruslan handeln, der ein hochrangiger tschetschenischer „Silowik“ ist, also aus den örtlichen Sicherheitsstrukturen stammt. Laut „Nowaja Gesata“ ist der Fall bereits aufgeklärt und der Präsident über alle Details informiert. Demnach wollen sich die föderalen Strukturen bei Ermittlungen gegen Kadyrow-Leute nicht mehr wie früher zurückhalten müssen. Während ihnen früher die Hände oftmals gebunden waren, drängen sie diesmal allem Anschein nach auf eine weitestmögliche Aufklärung, nicht zuletzt, um Kadyrow in die Schranken zu weisen, einigen Gerüchten zufolge sogar zu stürzen. Sollte dieser wiederum etwas mit dem Mord zu tun haben, ist das ein klares Signal in Richtung Kreml.

Keine Spur von Iwanow und Putin

Was außerdem aufhorchen lässt: Der Vorsitzende der russischen Präsidialverwaltung und frühere Stellvertreter Putins beim Geheimdienst FSB, Sergei Iwanow, ist seit dem Mord an Boris Nemzow verschwunden, darauf macht der regierungskritische Ökonom Andrei Illarionow in seinem Blog aufmerksam. Putin wurde zuletzt am 5. März bei einem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi in der Öffentlichkeit gesehen. Am Mittwoch kamen schließlich Gerüchte über eine Krankheit Putins auf, die sein Pressesprecher Dmitri Peskow zurückweisen musste. Am gleichen Tag streute der Chefredakteur der „Nesawissimaja Gaseta“ Konstantin Remtschukow das Gerücht des bevorstehenden Rücktritts des Rosneft-Chefs und Putin-Vertrauten Igor Setschin. In derselben Woche erhielten das tschetschenische Oberhaupt sowie der mutmaßliche Litwinenko-Mörder Andrei Lugowoi Auszeichnungen.

Der Konflikt zwischen föderalen Machtstrukturen und Strukturen um das tschetschenische Oberhaupt Ramsan Kadyrow schlägt offenbar auch auf das unmittelbare Umfeld Putins und Putin selbst über. Der im Schweizer Exil lebende Journalist Oleg Kaschin äußerte die Vermutung, dass die Gruppe um Iwanow bei Machtrangeleien gegen eine Gruppe um Wjatscheslaw Wolodin und FSB den Kürzeren gezogen habe. Wolodin ist stellvertretender Leiter der Russischen Präsidialverwaltung und somit formell Iwanow unterstellt. Diese Konspirologie geht so weit, dass diese Wolodin-FSB-Gruppierung Kenntnis vom Nemzow-Attentat hatte und die Aufklärung nun dazu nutzen will, Kadyrow zu ersetzen.

Veränderungen stehen bevor

Wer hinter den Kulissen gegen wen kämpft ist bisher reine Spekulation. Tatsache ist nur, dass diese Machtkämpfe stattfinden. Aus allen bisherigen Informationen geht hervor, dass wir den Ermittlungsbehörden nicht glauben dürfen, da sie höchstwahrscheinlich selbst in die Machtkämpfe verstrickt sind. Wir können weiter nur Vermutungen anstellen, ob die Verdächtigen alleine (sehr unwahrscheinlich) oder auf Geheiß eines Hintermannes, der auch Kadyrow heißen könnte, gehandelt haben, oder ob die Verdächtigten überhaupt die Tat begangen haben. Auch hier gibt es durchaus Zweifel.

Wer auch immer diesen Kampf gewinnen wird, es sind sicherlich keine guten Kräfte. Im Fall Nemzow wird der Beobachter vor die Wahl gestellt, entweder föderalen Strukturen oder Kadyrow-Strukturen zu vertrauen, bemerkt Oleg Kashin. Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Möglicherweise ist genau das gewollt, denn mit Blick auf die tschetschenische Kadyrow-Tyrannei wählen die Russen mit Sicherheit das kleinere Übel FSB.

UPD Andrei Illarionow weist darauf hin, dass Iwanow zumindest in den Medien wieder aufgetaucht ist. Außerdem vermutet er, dass Sergei Iwanow als Nachfolger von Dmitri Medwedjew im Amt des Regierungschef ernannt wird.

UPD-2 Für diejenigen, die russisch verstehen, hier noch einige Theorien. Laut Stanislaw Belkowski stand bzw. steht Putin vor einer der schwierigsten Entscheidungen seiner politischen Laufbahn – Kadyrow decken oder „Silowiki“ machen lassen. Viel Zeit hat er für die Entscheidung nicht, so Belkowski.