Warum Rücksicht auf religiöse Befindlichkeiten falsch wäre – Eine Erwiderung

In seinem gestrigen Beitrag setzt sich Rüdiger Morbach kritisch mit der neuen Ausgabe des kürzlich von Terroristen angegriffenen Satire-Magazins Charlie Hebdo auseinander und plädiert, nach einem klaren und unzweideutigen Bekenntnis zur Presse- und Meinungsfreiheit, bei aller Satire für ein gewisses Maß an Respekt gegenüber den Religionen anderer. Ganz offen fragt er, „ob Mohammed-Karikaturen denn sein müssen.“

Karikaturen von religiösen Würdenträgern und Heiligen können ohne Zweifel die Gefühle der Gläubigen verletzen. Sie überschreiten nicht selten die Grenzen dessen, was für viele erträglich ist, zumal wenn sie streng gläubig sind. Gerade bestimmte Strömungen des Islam, die von einem Bilderverbot ausgehen und damit bereits die Abbildung des Propheten Mohammed als Verstoß gegen ihre religiösen Grundregeln verstehen, reagieren deshalb empfindlich auf die in Frage stehenden Karikaturen. In manchen islamischen Staaten dürfen diese nicht gezeigt werden und mancherorts lösen sie große Demonstrationen aus.

Und dennoch: Es wäre falsch, selektiv auf religiöse Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen und bestimmte Karikaturen zu entschärfen oder ganz zu unterlassen. Denn obschon – wie Rüdiger Morbach zutreffend bemerkt – nur eine Minderheit die Satire überhaupt verstehen wird, dient sie doch dieser Minderheit zur Unterhaltung oder regt im besten Falle zu einer Auseinandersetzung mit der transportierten Botschaft an.

Karikaturen sind eine Form der Meinungsäußerung. Meinungen müssen nicht gefallen. Die Demokratie lebt gerade davon, dass möglichst viele verschiedene Meinungen in Wettstreit zueinander treten und um die Zustimmung anderer Demokraten werben. Dazu gehört auch die scharfe Kritik an religiösen Vorstellungen. Wer sich beleidigt fühlt, kann dies schließlich ebenso kundtun und den eigenen Standpunkt erklären.

Hinter der Forderung nach mehr Rücksicht steckt letztlich nichts anderes als ein Aufruf zur Selbstzensur. Denn die logische Konsequenz aus der Rücksichtnahme auf die religiösen Befindlichkeiten Dritter ist letztlich der Verzicht auf maximale Provokation. Wer aber bildet die Bezugsgruppe? Welcher Grad an Respektlosigkeit ist noch in Ordnung? Sollen wir uns eher an streng gläubigen Menschen oder an denjenigen orientieren, die sich allenfalls an den Feiertagen auf ihren Glauben besinnen?

Und warum glauben eigentlich alle, Muslime würden durch Karikaturen beleidigt? Weil eine Minderheit dies lautstark zum Ausdruck bringt? Weil Regierungen ihren Bürgern den Zugang zu solcher Satire verwehren? Vorauseilender Gehorsam schürt nur Vorurteile – das Bild vom in Rage geratenden Moslem, der sich im Anblick der Karikaturen nicht mehr beherrschen kann, wird perpetuiert. Am Ende liefert solch vermeintliche Rücksicht nur noch mehr Stoff für rechte Hetze – denn: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“