Wenn Deutschland scheitert, scheitert Europa

Syrische Flüchtlinge überqueren auf dem Weg nach Deutschland die Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. / Foto: Mstyslav Chernov / Wikimedia Commons

Syrische Flüchtlinge überqueren auf dem Weg nach Deutschland die Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. / Foto: Mstyslav Chernov / Wikimedia Commons

Es gibt unendlich viele Gründe, warum ich die Deutschen bewundere – sowohl aus positiver als auch aus negativer Sicht. Einer davon ist diese unglaubliche Selbstsicherheit, wenn es um die eigene Zukunft geht. Ich kenne nicht nur Deutsche, die ein Skypegespräch oder ein Telefonat zwei Wochen im Voraus planen, wobei dies natürlich eine extreme Ausnahme ist. Ich kenne auch recht viele Menschen, die schon jetzt ganz sicher wissen, was sie in fünf oder sogar zehn Jahren machen werden. Solche Pläne finde ich weder gut noch schlecht – ich finde sie nur äußerst erstaunlich. Denn so zu planen ist angesichts der jungen deutschen Geschichte eigentlich völlig unlogisch.

Klar, im Jahr 2015 ist Deutschland das führende Land Europas und eine der stärksten Wirtschaftsmächte der Welt. Klar ist auch, dass die Menschen sich in einem politisch und wirtschaftlich stabilen Deutschland viel sicherer fühlen als zum Beispiel bei mir in der Ukraine. Und doch ist dieses wohlhabende Deutschland eine Momentaufnahme, ein überraschender Höhepunkt einer fantastisch schwierigen Geschichte. 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, nur 25 Jahre nach der letzten großen Veränderung, der deutschen Wiedervereinigung, und in einer Welt, die täglich brennt, ist es naiv zu glauben, dass alles für immer so bleibt wie es heute ist.

Diese Selbstsicherheit ist nach wie vor vorhanden. Doch nach diesem Jahr 2015 hat die deutsche Gesellschaft große Angst, sie zu verlieren. Denn all diese Konflikte, die zuletzt die Welt beherrschten, sind auf einmal in der direkten Nähe von Deutschland gelandet. Während die große deutsche Öffentlichkeit den Krieg in der Ukraine noch ignorierte („Die Ukraine ist weit weg“; obwohl die Luftlinie zwischen München und Lviv kürzer ist, als die zwischen Lviv und Donezk), beeinflussen eine Million Flüchtlinge das Alltagsleben massiv. Auch die fürchterlichen Terroranschläge von Paris spielen eine große Rolle. Ein Teil des Krieges ist plötzlich nicht nur im Donbass und in Syrien, sondern auch an Bahnhöfen in Berlin und in München.

Nun stehen Deutschland und Europa vor einer Frage, die sich jede Gesellschaft und jede Zivilisation stellt: Freiheit oder Sicherheit? Haltung oder Sicherheit? Werte oder Sicherheit? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich nicht unbedingt für eine dieser Optionen entscheiden. Es geht vor allem darum, kühlen Kopf zu bewahren, realistisch zu bleiben – und die eigenen Grundsätze nicht zu vergessen. Die Angst ist dabei der allerschlimmste Verbündete. Wie auch alle Vereinfachungen und Verallgemeinerungen – in alle möglichen Richtungen.

Als Außenstehender, der aus einem Land kommt, in dem es gar keine Debattenkultur gibt, und der die Geschehnisse in Deutschland seit Jahren mit Interesse verfolgt, habe ich das Gefühl: Nicht nur Europa als Ganzes, sondern auch Deutschland an sich ist für diese Debatte nicht bereit. Es gibt einen unfassbar großen Abgrund zwischen all den Aktivisten, Medienleuten, Politikern, die eine werteorientierte, aber teils unrealistische Position vertreten, und dem einfachen Hans aus Eisenach, der Angst hat, diese gewonnene Sicherheit zu verlieren. Und genau diese Angst wird von rechten Kräften genutzt. Am Ende gibt es viele Emotionen, viele Diskussionen – und keine Idee, wie man ein auf keinem Fall überraschendes Problem löst.

Deutschland wird diese Mammutaufgabe nicht alleine lösen, das ist soweit klar. Es ist eine europäische Herausforderung, die nur gemeinsam angenommen werden kann. Doch als europäischer Vorreiter ist Deutschland – auch die deutsche Gesellschaft – dazu verpflichtet, die Verantwortung zu übernehmen und sie zu tragen. Denn es geht nicht nur um die Aufnahme der Flüchtlinge an sich. Es geht um den wichtigsten europäischen Wert: Um das Leben eines Menschen. Und das von Deutschland geführte Europa lässt immer noch zu, dass im Mittelmeer, unmittelbar an seiner Grenze, täglich Menschen sterben.

Dort, im Mittelmeer, werden die deutsche und die europäische Zukunft entschieden. Nein, sie werden nicht von Flüchtlingen überrannt, obwohl es eindeutig zu viel wäre, wenn Deutschland tatsächlich eine Million pro Jahr aufnehmen würde. Es werden dort einfach die wichtigsten Werte verraten, die diese Europäische Union, dieses Europa und das moderne Deutschland eigentlich vereinen sollen. Eine Finanzgemeinschaft aus 28 europäischen Staaten ist zwar mit Sicherheit keine schlechte Idee. Hat sie aber wirklich so viel Sinn, wenn sie nicht einmal in der Lage ist, ihre eigenen Grundsätze zu erfüllen?

Dass Polen, Ungarn und viele überhaupt nicht mitmachen wollen, ist ein großer Teil des Problems. Aber auch Deutschland muss sich hinterfragen. Merkels „Wir schaffen das“ ist zwar eine schöne Botschaft (wobei: Was soll sie sonst sagen?), bietet aber keinerlei Lösungen und erklärt diesem einfachen Hans aus Eisenach nicht, was eigentlich vorgeht. Denn er fühlt, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass seine Komfortzone in Gefahr ist. Sein Sohn kann mindestens bis Frühjahr die Turnhalle an der Schule nicht benutzen – zwar eine Kleinigkeit, aber Hans spürt, dass die Behörden überfordert sind.

Was Hans aber wissen muss: Die Freiheiten und die Möglichkeiten, die er im modernen Deutschland hat, sind nicht selbstverständlich. Sie kommen und gehen wieder, wenn sie nicht geschätzt und verteidigt werden. Das muss sich die deutsche Öffentlichkeit ständig erklären. Man spricht viel über Freiheit. Man spricht viel über Demokratie und Haltung. Das alles aber in einer Sprache, die von Hans, der zum ruhigen und sicheren Leben gewöhnt ist, nicht verstanden wird.

Das ruhige Leben wird aber nicht ewig dauern. Das, was heute in Europa stattfindet, wird es für immer verändern. Die deutsche Gesellschaft muss dafür bereit sein, die Verantwortung zu übernehmen. Denn wenn Deutschland nun scheitert, scheitert auch das moderne Europa. Die Folgen für die demokratische Welt wären katastrophal.